FAMILYLIFE
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Lena rührt aggressiv in ihrem Cappuccino. „Ich sag’s dir, Sarah, ich habe die Schnauze voll. Markus macht mich wahnsinnig. Gestern Abend kam er wieder erst um 19 Uhr nach Hause, hat sich direkt aufs Sofa gesetzt und gefragt: ‚Was gibt’s zu essen?‘ Ich hatte den ganzen Tag Stress im Büro und die Kleine hat Husten. Und er macht nichts und interessiert sich einen Dreck für mich.“

Sarah nickt verständnisvoll. „Das klingt schrecklich“, sagt sie. Als Lena gerade Luft holt, um weitere Verfehlungen ihres Mannes aufzuzählen, fügt sie hinzu: „Willst du ein Experiment machen?“

Lena seufzt skeptisch. „Was für ein Experiment?“

„Es heißt Naikan. Ich stelle dir drei einfache Fragen. Frage eins: Was hat Markus in den letzten 24 Stunden für dich getan? Auch Kleinigkeiten zählen.“

Lena schnaubt: „Nichts. Er lag ja auf dem Sofa.“ Sarah: „Gar nichts?“ Lena denkt nach: „Na ja… er hat mir heute Morgen Kaffee gemacht. Und gestern Abend, als ich so genervt war, die Spülmaschine ausgeräumt. Ach – und er hat das Auto getankt.“

Sarah stellt die zweite Frage: „Und was hast du in den letzten 24 Stunden für Markus getan?“

„Alles!“, schnaubt Lena. „Ich habe den kompletten Alltag organisiert. Ich habe eingekauft, seine Hemden von der Reinigung abgeholt und sein Lieblingsessen gekocht – Lasagne, obwohl das viel Arbeit war.“

Sarah: „Okay. Und jetzt die dritte Frage. Welche Schwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten hast du Markus in den letzten 24 Stunden bereitet?“

Lena ist empört: „Moment mal! Er bereitet mir Schwierigkeiten! Er ist nie…“ Sarah hebt die Hand: „Beantworte einfach die Frage, das ist Teil des Experiments.“

Lena starrt in ihre Tasse. Die Stille zieht sich hin. Ihr Gesicht wird nachdenklich. Leise sagt sie: „Ich habe ihn gestern Abend angefahren, sobald er zur Tür reinkam. Ich habe ihn nicht mal begrüßt, sondern sofort gemeckert, dass die Mülltonne noch voll ist. Und heute Morgen… er wollte mir einen Kuss geben, als er den Kaffee brachte. Ich habe mich weggedreht und gesagt, er riecht nach Zahnpasta und ich habe keine Zeit.“ Lena schluckt. „Und ich habe wohl den ganzen Abend eine Stimmung verbreitet, dass er sich nicht getraut hat, mich anzusprechen.“

Eine Weile sitzen die beiden einfach schweigend da. „Mach das eine Woche lang jeden Abend“, sagt Sarah schließlich. „Nimm dir 10 Minuten Zeit, um diese drei Fragen zu beantworten. Die Antworten schreibst du in ein Notizbuch. Danach trinken wir wieder einen Cappuccino.“

Das japanische Wort Naikan (内観) setzt sich zusammen aus Nai (innen) und Kan (beobachten). Naikan basiert auf drei Fragen, die man sich in Bezug auf den Partner oder die Partnerin stellt:
1. Was habe ich heute von meinem Partner empfangen?
2. Was habe ich meinem Partner heute gegeben?
3. Welche Schwierigkeiten habe ich meinem Partner heute bereitet?

Die naheliegende vierte Frage („Welche Schwierigkeiten hat er/sie mir bereitet?“) wird bewusst weggelassen, da unser Ego diese Frage sowieso dauernd automatisch stellt. Die meisten Menschen sehen die Fehler der anderen sehr schnell, sind gleichzeitig aber fast blind für die eigenen Fehler. Naikan ist ein Gegengewicht, um die Waage wieder in die Mitte zu bringen, indem es Dankbarkeit, Wahrnehmung von Fülle statt Mangel, Demut und das Wissen um die eigenen Fehltritte[1] fördert.

Neben dem Tarieren unserer „Wahrnehmungswaage“ hilft das regelmäßige Beantworten der drei Fragen auch zu erkennen, dass man geliebt wird, obwohl man fehlerhaft ist. Und das hat eine viel stärkere Bindungskraft, als geliebt zu werden, weil man viel geleistet hat.

 

 

Anmerkungen

[1] Obwohl Naikan kein christliches Konzept ist, decken sich die psychologischen Wirkmechanismen dieser Methode bemerkenswert mit zentralen biblischen Aussagen.

1. Dankbarkeit (in jeder Lebenslage)

Im Naikan geht es darum, das Empfangene zu sehen, unabhängig davon, ob die Umstände gerade perfekt sind. Es ist eine Haltung, keine Reaktion auf ein Geschenk.

„Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ — 1. Thessalonicher 5,18

 

2. Wahrnehmung von Fülle statt Mangel

Das Gefühl von Mangel entsteht oft durch den Vergleich oder das Begehren von dem, was man nicht hat. Die biblische (und Naikan-) Antwort ist das Erkennen, dass man versorgt ist. Wer erkennt, dass er getragen und versorgt wird, verliert die angstvolle Fixierung auf das, was fehlt.

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ — Psalm 23,1

 

3. Demut (andere höher achten als sich selbst)

Naikan holt den Übenden vom „hohen Ross“ herunter. Man realisiert, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist und dass andere viel für einen tun. Wenn ich erkenne, wie viel mein Gegenüber für mich tut (Frage 1) und wie viel Mühe ich ihm bereite (Frage 3), entsteht automatisch diese Haltung: Ich achte den anderen hoch und meine eigenen Ansprüche werden leiser.

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ — Philipper 2,3-4

 

4. Wissen um eigene Fehltritte (der Balken im eigenen Auge)

Naikan ist im Grunde die systematische Praxis, den „Balken im eigenen Auge“ zu untersuchen (Frage 3: Welche Schwierigkeiten habe ich verursacht?). Solange man mit der eigenen Fehlerhaftigkeit beschäftigt ist, verliert man die Lust und die moralische Überlegenheit, über die Fehler der Partnerin oder des Partners zu richten.

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? […] Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“ — Matthäus 7,3+5

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