FAMILYLIFE
Engagieren

Dass ich diese Aussage mal in die Tasten haue, habe ich bis vor ein paar Jahren noch für unrealistisch gehalten. Die Schule, die mir selbst als Kind so viel gegeben hat. Die mir – vielleicht nicht durchs Band, aber die meiste Zeit über – Spaß gemacht, mich in meiner Wissbegier abgeholt und mich positiv herausgefordert hat. Dieses (mein) Bild der Schule erfuhr aufgrund meiner elterlichen Erfahrungen, die mit vier Kindern relativ breit ausfallen, einen ordentlichen Knacks.

Selbst als meine Kinder längst alle eingeschult waren, ging ich noch lange davon aus, dass sich die Freude an der Schule bei allen früher oder später einstellen würde, und tat mangelnde Kooperation und fehlende Motivation unter «holpriger Schulstart», «schwieriges Klassenklima» o.Ä. ab. Etwas anderes konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

Doch heute weiss ich: Ich lag falsch. Schule ist für manche Kinder nichts anderes als ein Ort, wo sie fünf Tage die Woche hin müssen. Hätten sie die Wahl, würden sie nicht hingehen. Auf die Frage «Was findsch läss a de Schuel?» antworten sie ausschließlich mit: «Mini Klassekamerade!» Das war’s dann auch schon.

Es liegt mir fern, hier Schulbashing zu betreiben. Das machen schon genügend andere Eltern (zumindest in meinen Breitengraden) und es scheint mir wenig zielführend, in diesen Kanon einzusteigen. Nein, es geht mir um etwas ganz anderes. Es geht mir um unsere elterlichen Vorstellungen und Glaubenssätze, die wir (meist unbewusst) auf unsere Kinder übertragen, wie in meinem Fall die «Man kann nicht nicht gerne zur Schule gehen»-Überzeugung. Und um die Tatsache, dass wir unsere Kinder mit diesen Überzeugungen arg unter Druck setzen können, wenn wir sie nicht erkennen und reflektieren. 

Mich hat’s beim Thema Schule erwischt. Durchspielen lässt sich das Ganze aber im Grunde an jedem erdenklichen Familienthema, von Essgewohnheiten über Hobby-Präferenzen bis hin zur Wahl des Freundeskreises. Das Prinzip ist immer dasselbe: Mama oder Papa haben eine klare, durch ihre persönliche Biografie und Sozialisierung gefärbte Vorstellung davon, wie etwas sein, ablaufen, empfunden werden sollte, weshalb es für sie schwer nachzuvollziehen ist, wenn das Kind es anders sieht, macht oder schlichtweg nicht kann oder will. 

Ob ich will oder nicht, die eigene Erfahrung drückt fast immer durch. Wenn ich etwas nicht als problematisch erlebe resp. erlebt habe, kann ich den Leidensdruck, den mein Kind mit derselben Situation hat, nicht wirklich nachvollziehen. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist deshalb, überhaupt zu erkennen, dass eine Diskrepanz zwischen meiner Wahrnehmung und derjenigen meines Kindes vorliegt. Um dahin zu kommen – und besser damit umgehen zu können –, hilft es mir persönlich, folgenden Dreiklang jeweils durchzuspielen:

Akzeptieren: Dabei versuche ich, die aktuelle Realität, eine aufreibende Situation oder unangenehme Gefühle weder sofort verdrängen noch bekämpfen zu wollen, sondern bewusst anzuerkennen, dass da was ist, was stört. Das allein kann den inneren Widerstand bereits reduzieren.

Pausieren: Ich unterbreche mein gewohntes Handeln oder Denken, steige also bewusst aus dem Autopiloten aus. Das hilft, Abstand zu gewinnen und klarer – weil eben nicht im bekannten Schema – zu denken.

Engagieren: Innehalten und auf Abstand gehen führen dazu, dass ich kreativ und neugierig auf das «Andere» zugehen und mehr darauf vertrauen kann, dass der andere Weg auch ans Ziel führt. 


Welche Vorstellungen und Wünsche, die mein(e) Kind(er) anbelangen, sollte ich überdenken und mal einer ehrlichen Revision unterziehen?