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Stell dir vor, du erhältst 10 Dollar. Du kannst das Geld entweder behalten oder einen Teil davon (oder auch alles) einer wildfremden Person geben, die du weder siehst noch kennst. Der Clou: Jeder Dollar, den du weitergibst, wird verdreifacht. Der Empfänger kann dann entscheiden, ob er dir etwas zurückgibt oder alles für sich behält. Würdest du das Risiko eingehen?

Der Neurowissenschaftler Paul Zak fand in diesem als „Trust Game“ bekannten Experiment heraus, dass ein kleiner Sprühstoß Oxytocin in die Nase das Verhalten der Teilnehmenden radikal verändert. Ohne das Hormon gaben nur 21 Prozent die vollen 10 Dollar weiter. Doch unter dem Einfluss von Oxytocin verdoppelte sich der Anteil der Personen, die maximal vertrauten, schlagartig auf 45 Prozent. Diese biochemische Vertrauensbasis wirkt nicht nur zwischen Fremden, sie ist auch der Klebstoff, der unsere engsten Bindungen im Privaten zusammenhält.

Andere Untersuchungen belegen, dass Oxytocin die konstruktive Kommunikation in Konflikten fördert und die wahrgenommene Attraktivität des eigenen Partners steigert, während andere Personen nicht attraktiver bewertet werden. Eine Studie zeigte sogar, dass Männer in festen Beziehungen unter Oxytocin-Einfluss eine größere physische Distanz zu einer attraktiven Fremden wahrten als die Placebo-Kontrollgruppe.

Oxytocin ist ein körpereigenes Hormon, das als „Bindungshormon“ eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Vertrauen, Treue, Empathie und zwischenmenschlicher Nähe spielt. Bei sozialen oder physischen Reizen wie Berührung oder Blickkontakt wird es direkt im Gehirn freigesetzt und gelangt von dort aus in den Blutkreislauf.

Frauen weisen Studien zufolge dreimal höhere Oxytocin-Konzentrationen auf als Männer, wobei die Wirkung durch das Zusammenspiel mit Östrogen zusätzlich intensiviert wird. Da das weibliche Nervensystem dadurch stärker auf Oxytocin-Reize reagiert, ist das Hormon für Frauen noch wichtiger als für Männer.

Was im Labor mit Nasensprays simuliert wird, funktioniert auch im Alltag. Gelingt es einem Paar, durch Berührung und Blickkontakt die Oxytocin-Ausschüttung gezielt zu aktivieren, profitiert es unmittelbar von tieferem Vertrauen und einer stärkeren Bindung.

Da Oxytocin eine relativ kurze Halbwertszeit hat, ist es für die Paardynamik weniger ein dauerhafter Zustand als vielmehr ein flüchtiger Gast. Das Nervensystem braucht regelmäßige Erinnerungen, um die Bindungschemie stabil zu halten. Einmaliges Kuscheln pro Woche reicht biologisch schlicht nicht aus, um den Oxytocin-Spiegel auf einem Niveau zu halten, das einen positiven Einfluss auf die Beziehung hat.

Deshalb empfiehlt sich ein tägliches Oxytocin-Ritual, bei dem Blickkontakt und Berührung kombiniert werden. Der Harvard-Professor Arthur Brooks schlägt beispielsweise vor, sich vor dem Schlafengehen fünf bis zehn Minuten lang intensiv in die Augen zu schauen und dabei die Hände zu halten. Da sich diese Zeitspanne anfangs sehr lang anfühlen kann, darf man ruhig auch mit zwei Minuten starten und sich langsam steigern. Mit diesem effizienten Ritual verwandeln wir flüchtige biochemische Signale in beständiges Vertrauen und geben der Liebe den biologischen Rückenwind, den sie verdient.

Next Level für deine Beziehung
Welches tägliche Oxytocin-Ritual würde euch entsprechen? Probiert es aus!

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