Daniela atmet tief durch. Ein vertrautes Gefühl von Erleichterung mischt sich mit Erschöpfung: Sie konnte verhindern, dass Tobias wieder betrunken Auto fährt. Unter diesen Umständen, so redet sie sich ein, war es die einzig richtige Entscheidung, ihm die zweite Flasche Whisky aus dem Tankstellenshop zu holen. Womöglich wäre sonst jemand zu Schaden gekommen. Oder er hätte seinen Führerschein wieder verloren – und damit dieses Mal wohl auch seinen Job. Daniela hat das Desaster abgewendet. Wieder einmal.
Herr Schmidt, Danielas Therapeut, sieht das anders. Auch wenn es nicht der eigentliche Grund für Danielas Therapie ist, ist das Thema Co-Abhängigkeit ein ständiger Begleiter ihrer Sitzungen, so auch heute. Nach dem Termin fährt Herr Schmidt schnell nach Hause. Als er die Wohnungstür aufschließt, sieht er auf den ersten Blick, dass seine Frau einen schlechten Tag hatte. Sofort spürt er diesen vertrauten, dumpfen Druck in der Brust. Ihre schlechte Laune wird binnen Sekunden zu seiner eigenen Traurigkeit. Er muss etwas tun. Er erträgt es nicht, sie so leiden zu sehen. „Du glaubst nicht, was mir Denise heute geschrieben hat“, klagt sie, während sie frustriert auf ihrem Smartphone herumtippt. „Und jetzt lässt sich das verdammte Ding nicht mal öffnen! Kannst du mir das nicht endlich mal richtig einstellen?“ Selbstverständlich kann er das. Herr Schmidt übernimmt sofort. Wie immer löst er in wenigen Minuten, wofür sie mindestens fünfmal so lange gebraucht hätte.
Zwei Paare, eine Dynamik. Wo Daniela die Sucht füttert, füttert Herr Schmidt die Unselbstständigkeit. Doch die Wurzel ist dieselbe: Die Unfähigkeit, sich vom Gefühlszustand des Gegenübers abzugrenzen, gepaart mit dem starken Wunsch zu helfen. Aber nicht so, dass die andere Person sich zukünftig selbst helfen kann, sondern so, dass man selbst weiterhin gebraucht wird. Frei nach dem Motto: Ich helfe dir, nicht weil du mich brauchst, sondern damit du mich brauchst.
Co-Abhängigkeit ist ein Verhaltensmuster, bei dem ein Mensch seine Identität und seinen Selbstwert zu einem großen Teil über die Hilfe, Kontrolle oder emotionale Regulierung eines anderen definiert. Der Begriff ist umstritten – und das aus gutem Grund. Er kann dazu führen, dass wir das Bedürfnis, einem geliebten Menschen beizustehen, vorschnell als krankhaft abstempeln. Dabei ist Hilfsbereitschaft eine Stärke.
Wenn wir vage mit dem Begriff Co-Abhängigkeit um uns werfen, stecken wir Danielas extreme Aufopferung, Herrn Schmidts Alltags-Rettung und jene co-abhängigen Anteile und Verhaltensmuster, die wir alle in uns tragen, in die gleiche Schublade. Statt uns selbst oder andere mit diesem Etikett abzustempeln, sollten wir uns lieber fragen: Wie finden wir immer wieder zurück zu einer Hilfe, die nachhaltig stärkt, statt uns nur gegenseitig zu verstricken?
Es geht darum, gar nicht erst in die Einseitigkeit der Co-Abhängigkeit zu rutschen, sondern sich immer wieder neu für eine gesunde, wechselseitige Unterstützung zu entscheiden. Das gelingt, wenn der Antrieb nicht die Angst vor Disharmonie oder das Bedürfnis, gebraucht zu werden, ist, sondern Liebe.
Gemeinsam mit Daniela dürfen wir eine ehrliche Bestandsaufnahme machen und uns fragen, welche Rolle wir in unserer Partnerschaft spielen. Sind wir in gewissen Bereichen die Retter, die den Partner unbewusst kleinhalten?
Und Herr Schmidt – und wir alle mit ihm – täten gut daran, vor dem Helfen kurz innezuhalten und uns zu fragen, ob unsere Unterstützung wirklich langfristig stärkt, oder ob wir nicht eher helfen, um Disharmonie zu vermeiden oder eine gefühlte Katastrophe abzuwenden.
Wahre Intimität entsteht nicht durch Verschmelzung, sondern durch zwei in ihrer Identität gefestigte Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen – und sich aus Liebe dazu entscheiden, einander gegenseitig zu unterstützen.