FAMILYLIFE
Engagieren

Sandra ist frustriert. Max ist unzuverlässig und das nervt sie tierisch. Sie übernimmt die gesamte Organisation, hat Termine und Aufgaben im Kopf und muss am Ende noch einmal nachkontrollieren, ob auch wirklich alles klappt, selbst wenn Max eigentlich die Verantwortung dafür trug. Sie fühlt sich längst nicht mehr wie seine Partnerin, sondern eher wie seine Mutter. Immer wieder hat sie ihn gebeten, mehr Verantwortung zu übernehmen. All ihr Kritisieren und Appellieren blieb jedoch ohne Erfolg. Sandra hat wirklich alles versucht, außer einer einzigen Sache: Sie ist noch nie auf die Idee gekommen, ihre eigene Position zu verändern.

Wir gehen davon aus, dass wir unabhängige Individuen sind. Unserem Denkmodell zufolge sind unsere Mitmenschen nun einmal so, wie sie sind. Sie verhalten sich auf eine bestimmte Weise und wir müssen dann darauf reagieren.

Doch die Realität gleicht eher einer Gigampfi (Schweizerdeutsch für Wippe), auf der wir gemeinsam sitzen. Mein Gegenüber sitzt am einen Ende, ich am anderen. Wir sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn der eine sich bewegt, hat das unweigerlich Auswirkungen auf den anderen.

Das Gegenüber zu verändern, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Am Anfang nachhaltiger Veränderung steht oft die harte, aber befreiende Einsicht: Mein Partner ist (auch) so, wie er ist, weil ich so bin, wie ich bin. Das mag nicht in jedem einzelnen Fall komplett zutreffen, aber es stimmt weitaus häufiger, als uns lieb ist. Wir sind Mitverursacher unserer eigenen Beziehungssituation. Wir haben aktiv dazu beigetragen, genau die Situation zu kreieren, über die wir uns gerade ärgern.

Statt uns also über unser Gegenüber aufzuregen, das stur dort oben auf der Gigampfi sitzen bleibt und sich keinen Millimeter bewegt, könnten wir unsere eigene Position verändern. Wenn wir uns kräftig abstoßen, wird sich die Gigampfi bewegen, und es kommt Schwung in die festgefahrene Beziehung.

Statt sich der schwierigen Eigenart ihres Partners hilflos und ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen, stellt sich Sandra die entscheidende Gigampfi-Frage: Wie habe ich dazu beigetragen, diese Situation zu kreieren, die ich nicht haben will? Dabei geht ihr ein Licht auf. Max kann nur deshalb so unzuverlässig sein, weil sie immer wieder hinter ihm aufräumt, für ihn einspringt und die Verantwortung übernimmt. Ihre ständige Verantwortungsübernahme ermöglicht erst seine Unzuverlässigkeit.

Sandra erkennt ihre Position auf der Gigampfi und beschließt, sich zu bewegen. Sie verändert ihr Verhalten, indem sie Dinge nun auch mal scheitern lässt und nicht mehr eingreift. Als Max das nächste Mal vergisst, die vereinbarten Konzertkarten zu besorgen, zaubert sie nicht eine Alternative aus dem Hut oder übernimmt die Organisation. Der Ausflug fällt schlichtweg ins Wasser.

Die Chancen stehen gut, dass die Gigampfi nun in Bewegung gerät. Max ist im ersten Moment vielleicht irritiert, aber er wird seine Position verändern müssen, weil das alte Gleichgewicht nicht mehr existiert. Sandra hat aufgehört, ihn für seine Unzuverlässigkeit zu kritisieren, aber auch damit, ihm alles abzunehmen. Sie hat ihre eigene Position und damit das ganze System verändert. Durch ihre Bewegung entsteht eine neue Dynamik, in der er gezwungen ist, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wir sind nicht die ohnmächtigen Opfer der Eigenarten unserer Partner. Wenn wir aufhören, uns auf die Fehler des anderen zu fixieren, und stattdessen unsere gemeinsame Dynamik betrachten, gewinnen wir unsere Handlungsfähigkeit zurück. Die nächste Krise ist nicht der Moment, um sich über den anderen zu beklagen, sondern um zu schauen, wo man selbst auf der Gigampfi sitzt – und dann das Gewicht mutig zu verlagern.

Next Level für deine Beziehung
Denke an ein herausforderndes Thema in deiner Beziehung. Was ist dabei deine Position auf der Gigampfi?

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