15 Menschen sind in dieser Saison in der Schweiz in natürlichen Gewässern bereits ertrunken. Die Schlagzeile der Tageszeitung sinkt in mein Bewusstsein. Uralte Elterninstinkte werden aktiviert. Sofort beziehe ich die Info auf meinen Clan, lege meinen Flügel etwas satter um meine Bibeli. Soll ich meinen Teenagerkids verbieten, mit ihren Freunden am Rhein abzuhängen? Oder doch alles erlauben und nur regelmässig Gespräche führen? Das geht dann so: Bevor ich richtig klug loslegen kann, wird die Konversation in etwa so beendet: «Schon klar, Mama. Nirgends einfach so reinspringen. Mit Wasser benetzen wegen Hitzschlag und so. Keinen Alk. Wir passen schon auf.»
Eine Mutter in meinem Umfeld liess ihr Kind krankschreiben, weil an besagtem Tag eine Prüfung anstand und die Zeit zum Lernen fehlte. Eine andere bezahlt die Busse für ihren Sohn, der ohne Fahrkarte Bus gefahren ist. Eltern sind ihren Kids heute sehr nah. Ich sehe das durchaus positiv. Es führt aber auch dazu, dass wir unsere Flügel arg viel und fest um unseren Nachwuchs legen. Das bringt nicht nur nötigen Schutz und Geborgenheit, sondern schränkt Freiheit ein. Und sorgt dafür, dass unseren Kindern und Jugendlichen wichtige Erfahrungen entgehen. Natürlich gibt es eine Unzahl moderner Gefahren und wir als Eltern haben definitiv einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung. Trotzdem plädiere ich für mehr Flügel-off-Mentalität. Es ist nicht so, dass ich mir heimlich ins Fäustchen lache, wenn eine unserer Töchter mit ihren Entscheidungen irgendwas an die Wand fährt. Auch ich wünsche mir nur das Beste für sie. Ich entscheide mich trotzdem immer wieder bewusst, ihnen viel zuzumuten. Weil ich davon überzeugt bin, dass nicht meine Ratschläge, sondern ihre eigenen Erfahrungen sie wachsen lassen. Zudem: Wenn es mir nicht gelingt, meinen Griff schrittweise und altersadäquat zu lockern, werden meine Bibeli irgendwann unschön ausbrechen – ohne auf das da draussen vorbereitet zu sein.
Unsere Kids werden nur dann lernen, kritische Situationen richtig einzuschätzen, zu reflektieren, ob ihnen bestimmte Freundschaften oder Beziehungen gut tun, ob ihr Medienkonsum aus dem Ruder läuft, wenn sie Eltern haben, die ihnen Freiräume zugestehen. Fabian Grolimund schreibt dazu: «Nur so kann ein heranwachsendes Kind eigene Kriterien entwickeln, die ihm Antworten geben auf Fragen wie: Woran merke ich, dass mir etwas nicht guttut? Was ist mir wichtig und wofür lohnt es sich, mich anzustrengen? Was macht eine echte Freundschaft aus? Wie setze ich Grenzen, wie hole ich mir Hilfe und wie befreie ich mich aus riskanten Situationen?»
In unserem Familienalltag heisst das im Moment ganz konkret:
Fehler zulassen und dem Kind seine eigenen Erfahrungsräume zugestehen – damit gehe ich bewusst ein Risiko ein. Als Gewinn winken Kompetenzen beim Nachwuchs wie Mut, Urteilsvermögen, Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein. Das mit dem Risiko ist bekanntlich so eine Sache. Ich kann es nicht wissen. Ich kann nur vertrauen.