„Das ist einfach zu viel“, sagt Viktoria. „Unser Sohn kommt ans Gymnasium und unsere Kleine hat noch ihre Nasen-OP. Ich beginne meine neue Stelle. Für unseren Australien-Urlaub haben wir erst die Flüge gebucht. Deine Mutter braucht unsere Unterstützung. Wir bauen den neuen Sitzplatz im Garten. Und wenn du mal nicht arbeitest, trainierst du für deinen Ironman. Das schaffen wir nie alles.“
„Das wird schon gut gehen“, antwortet Oliver mit betont ruhiger Stimme. „Bis jetzt hat es doch immer irgendwie geklappt.“
Oliver versucht bewusst, Zuversicht auszustrahlen, denn er hat den Eindruck, dass seine Frau immer weniger leistungsfähig wird und sich zunehmend in eine Panik hineinsteigert. Ständig ist ihr alles zu viel. Das Einzige, wofür sie noch Energie aufzubringen scheint, ist die ständige Warnung davor, sich zu viel aufzubürden. Er hat das Gefühl, den Optimismus für sie beide aufrechterhalten zu müssen.
Viktoria hat natürlich eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Ihr Mann habe jegliches Gespür für ein gesundes Maß verloren, was aber nicht weiter verwunderlich sei, weil er ja dann oft nicht da sei, wenn es darum gehe, auszubaden, was er ihr und der Familie alles aufgeladen habe.
Und so stehen sich Viktoria und Oliver gegenüber. Sie die verzagte Sorgenmacherin und er die optimistische Hochleistungsmaschine. Es scheint ihnen beiden, als hätten sie nicht ihre Ergänzung, sondern ihr Gegenteil geheiratet.
Viele Paare geraten wie Viktoria und Oliver in eine Polarisierung, in der sie bei einem gemeinsamen Thema gegenüberliegende Positionen einnehmen und diese immer vehementer vertreten. So polarisieren sich Paare nicht nur in verzagte Sorgenmacherin und optimistische Hochleistungsmaschine, sondern auch in panischen Sparfuchs und hemmungslose Genießerin, in akribischen Mastermind und planlosen Chaoten, in lustlosen Sexmuffel und hormongesteuertes Duracell-Häschen, in impulsiven Gefühlsmenschen und unterkühlten Logiker.
Bei solchen Polarisierungen geht verloren, dass beide im Grunde gar nicht so sind. Viktorias Naturell ist nicht energielos oder besorgt, genauso wie Oliver nicht ignorant und daueroptimistisch ist. Beide sind sowohl aktive Menschen als auch darauf bedacht, das Familiensystem nicht zu überfordern. Nur weil Viktoria die Rolle der Bremserin übernimmt, kann Oliver ohne Rücksicht auf Verluste powern. Und nur weil Oliver powert, kann Viktoria bremsen. Sie würden diese Tatsache selbstverständlich anders formulieren: Nur weil du so bist, muss ich anders sein.
Tatsächlich liegt auch Oliver ab und zu wach und denkt darüber nach, was alles schiefgehen könnte. Aber er würde es ihr nie sagen. Er will sie doch nicht noch weiter belasten. Und sie hat auch Momente der Zuversicht. Aber sie würde das natürlich nicht äußern, sonst würde sie ihn ja noch in seinem grenzenlosen Optimismus bestärken.
Wenn beide versuchen, mit ganzer Kraft das Lenkrad auf ihre Seite zu reißen, kann man vielleicht noch eine Weile lang geradeaus fahren. Aber das Risiko eines Crashs ist groß. Die Lösung besteht nicht darin, noch stärker gegenzusteuern, sondern den Griff etwas zu lockern. Das gelingt, wenn wir uns klarmachen, dass wir das, was wir am Gegenüber schwierig finden, auch in uns haben. Diesen Anteil gilt es wahrzunehmen und zu entdecken. Und schließlich auch mit dem anderen zu teilen.
Für Oliver hieße das konkret, seine beschwichtigende Haltung aufzugeben und zuzugeben: „Ehrlich gesagt habe ich vor dem Gartenumbau neben all den anderen Veränderungen auch großen Respekt.“ Und für Viktoria würde es bedeuten, ihre unterdrückte Zuversicht auszusprechen: „Ich bin zwar wahnsinnig gestresst, aber ich freue mich riesig auf unseren Australien-Urlaub.“
Denn nur so, wenn der andere merkt, dass man seine Anliegen tatsächlich teilt, sinkt der Druck. Niemand muss mehr krampfhaft das Gegengewicht spielen und eine einseitige Extremposition einnehmen. Und so kann auch der Ausbruch aus der Polarisierung gelingen.