Samstagmorgen in der Küche. Lena räumt den Tisch ab, Felix sitzt noch dort und trinkt seinen zweiten Kaffee, während er etwas auf dem Smartphone liest.
„Fährst du nachher für den Wocheneinkauf los?“, fragt Lena.
„Klar“, erwidert Felix. „Hast du mir eine Einkaufsliste geschrieben?“
„Wir nutzen seit einem halben Jahr diese gemeinsame Einkaufs-App. Ich habe gestern Abend schon alles eingetragen.“
Felix öffnet die App. „Ah ja, hier. Aber was meinst du mit ‚Gemüse für die ganze Woche‘? Letztes Mal waren es dir zu viele Tomaten. Du hast da einen viel besseren Überblick als ich, soll ich das Gemüse weglassen?“
Lena seufzt. „Nimm einfach ein paar Standardsachen. Tomaten, Gurken, Brokkoli und so.“
„Okay. Und was ist mit Waschmittel? Welche Marke?“, hakt er sofort nach. „Ich stehe da nachher völlig aufgeschmissen vor dem Regal. Schick mir am besten schnell ein Foto davon, dann mache ich garantiert nichts falsch.“
Genervt greift Lena nach ihrem Autoschlüssel. „Bis ich das halbe Haus abfotografiert und dir dann im Supermarkt am Telefon geholfen habe, habe ich das schon dreimal selbst erledigt. Ich gehe selbst.“
Felix lehnt sich zurück. „Bist du sicher? Ich wollte dir die Arbeit wirklich abnehmen, Schatz. Du musst mir halt nur genau sagen, was ich tun soll.“
Was Felix hier gemacht hat, nennt sich strategische Inkompetenz (engl. Weaponized Incompetence). Eine Person stellt sich bewusst oder unbewusst hilflos an, damit jemand anderes ihr zu Hilfe eilt und die Aufgabe übernimmt. Dieses Phänomen kommt nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in Paarbeziehungen sehr häufig vor. Es hat ein perfektes Gegenstück, und genau in diese Falle droht Lena zu tappen, als sie nach dem Autoschlüssel greift: die übergriffige Hilfe. Dabei hilft jemand dem anderen, oder nimmt ihm die Aufgabe gleich ganz ab, obwohl dieser es allein könnte. Unbewusst dient das oft dazu, die eigene Position und den Selbstwert zu steigern. So greifen die Handlungen beider wie Zahnräder ineinander.
Strategische Inkompetenz und übergriffige Hilfe sind an sich keine Katastrophe, sondern können auch einfach Strategien in einer Beziehungsdynamik sein, bei der sich beide in ihrer Rolle wohlfühlen. Die Alleskönnerin und der Inkompetente, beispielsweise. Doch ich erlebe es oft, dass einer oder beide Partner nicht mehr zufrieden sind mit dieser Aufteilung. Der Ausbruch aus dieser Dynamik ist aber nicht ganz einfach, denn meistens sind diese Rollen für die direkt Beteiligten nicht klar zu erkennen und es fehlt der Wortschatz, um zu benennen, was eigentlich abläuft. Genau hier könnte das Wissen um die strategische Inkompetenz helfen.
Wenn Lena aus dieser Dynamik aussteigen möchte, beispielsweise weil sich dieses Muster nicht nur beim Einkaufen zeigt und Lena darunter leidet, dass sie einen höheren Mental Load als Felix trägt, könnte sie es mit folgenden drei Schritten versuchen:
1. Verantwortung nicht übernehmen, sondern zurückgeben.
2. In einem ruhigen Moment über die Beziehungsdynamik sprechen.
3. Klare Abmachungen treffen.
Wie könnte das praktisch aussehen? Lena zieht im letzten Moment die Hand vom Autoschlüssel zurück und atmet tief durch. „Weißt du was, Felix?“, sagt sie ruhig. „Du übernimmst heute den Einkauf und entscheidest einfach selbst, welches Gemüse und Waschmittel du kaufst. Wenn es nicht das perfekte ist, ist das kein Weltuntergang.“
Damit hat Lena den ersten Schritt getan und die Verantwortung erfolgreich zurückgegeben, statt bei der strategischen Inkompetenz von Felix mitzuspielen. Um die Beziehungsdynamik jedoch dauerhaft zu verändern, fehlen noch die Schritte zwei und drei. Statt an der Küchentür einen Grundsatzstreit anzufangen, sucht Lena am nächsten Nachmittag in einem entspannten Moment das Gespräch über die Rollenverteilung. Dort können die beiden dann in Ruhe klare Abmachungen für die Zukunft treffen: Wer ist für was komplett zuständig, inklusive der vorherigen Planung und dem selbstständigen Drandenken?