FAMILYLIFE
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Es war eine anstrengende Woche. Die Zeit ist irgendwo zwischen Arbeit, Kinderbetreuung, Vorstandssitzung, Elternabend, Sporttrainings und Musikschulaufführung der Kinder zerronnen. Als dann am Samstagnachmittag endlich etwas Freiraum wäre, um gemeinsam etwas zu unternehmen oder zumindest ein paar Sätze zu wechseln, ist Vanessa am Handy. Das nervt Martin. Aber er kann es auch verstehen, schließlich haben sich bei ihm über die Woche hinweg auch unbeantwortete Nachrichten angesammelt. Er will ja auch nicht kleinlich sein und dauernd nörgeln. Und erst recht will er keinen Konflikt riskieren, jetzt, wo sie mal Zeit miteinander haben. Also entscheidet er sich, nichts zu sagen und seinen Ärger hinunterzuschlucken.

Egal, ob es um Ordnung, den Umgang mit anderen Menschen, den Haushalt, Sex, Prioritäten oder gemeinsame Zeit geht: In einer Partnerschaft sieht man sich unweigerlich immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob man etwas, das einen stört, ansprechen oder darüber hinwegsehen soll. Wir alle kennen Martins Dilemma aus eigener Erfahrung.

In einer Beziehung braucht es beides: Großzügigkeit und das Ansprechen von Verhaltensweisen, die uns irritieren oder verletzen. Aber wir dürfen diese beiden Dinge nicht verwechseln. Oft glauben wir, wie Martin, dass wir großzügig über etwas hinwegsehen. Tatsächlich konfrontieren wir unsere Partnerin oder unseren Partner aber nicht damit, weil wir Harmonie mögen und keinen Konflikt heraufbeschwören wollen, der diese stören könnte. Oder weil wir uns selbst gerne als großzügige Person sehen, die viel ertragen kann. Dieses Selbstbild gibt uns ein Gefühl von moralischer Überlegenheit, aus der heraus wir dem anderen dann gönnerhaft diesen Gefallen tun können.

Um zu unterscheiden, ob wir tatsächlich großzügig über die Fehler des anderen hinwegsehen oder uns etwas vormachen, gibt es einen einfachen Test. Wenn sich eine ähnliche Situation wiederholt, denken wir dann: „Jetzt macht er oder sie das schon wieder?“ Wenn wir dem Partner diese Verfehlungen innerlich anrechnen, sind wir bestimmt nicht im Großzügigkeits-Modus.

In diesem Fall sollten wir die Irritation unbedingt ansprechen und uns nicht einreden, wir würden dem anderen etwas Gutes tun, indem wir angeblich großzügig darüber hinwegsehen. Geben wir uns äußerlich großzügig, während wir innerlich nachtragend sind, tun wir damit weder dem anderen noch der Beziehung einen Gefallen. Das Nichtansprechen ist dann kein friedliches Verhalten, sondern ein egoistischer Sabotageakt. Wir nehmen damit dem Gegenüber die Chance, etwas zu lernen und sich in ähnlichen Situationen zukünftig anders zu verhalten. Zudem führt es dazu, dass nicht angesprochene Situationen unter der Oberfläche weiter schwelen und dann plötzlich an unerwarteter Stelle und mit unerwarteter Intensität wieder auftauchen.

Deshalb ist es wichtig, die eigene Haltung zu prüfen. Im Zweifelsfall – also eigentlich immer dann, wenn man sich diese Frage stellt – sollte man lieber auf konstruktive Weise ansprechen, was einen stört, statt sich selbst und dem Gegenüber etwas vorzumachen und so zu tun, als könne man großzügig darüber hinwegsehen.

Next Level für deine Beziehung
Entscheide das nächste Mal ganz bewusst, ob du ein störendes Verhalten deines Gegenübers ansprechen oder darüber hinwegsehen möchtest und kannst.

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