Du hast sicher schon von der Affenfalle gehört: Eine Kokosnuss, gefüllt mit einer Handvoll Reis und an einem Pfahl befestigt. Die Öffnung ist gerade groß genug, dass eine flache Affenhand hineingleiten kann – aber zu schmal für eine geballte Affenfaust. Sobald der Affe nach dem Reis greift und seine Beute umschließt, sitzt er fest. Die Falle funktioniert nur deshalb, weil der Affe sich weigert, den Reis loszulassen, obwohl es das Ende seiner Freiheit bedeutet.
Bevor wir nun mitleidig den Kopf über den Affen schütteln, sollten wir uns fragen, ob wir nicht selbst oft in dieser Falle sitzen, beispielsweise in unseren Beziehungen. Oft halten wir an alten Verletzungen fest, dem „Reis“ unseres Rechts auf Groll oder Rache. Wir glauben, wir würden damit den anderen bestrafen, doch eigentlich sind wir es selbst, die gefangen bleiben.
Besonders im Deutschen wird die Absurdität dieses Verhaltens deutlich: Wer „nachtragend“ ist, schleppt die Last buchstäblich mit sich herum. Es ist der Nachtragende, der schwer hebt, während der Täter dadurch nicht belastet wird. Dieser Groll ist mehr als nur ein schlechtes Gefühl, er ist eine biologische Belastung. Mit unverarbeitetem Groll schaden wir uns selbst auch körperlich. Er treibt nachweislich den Cortisolspiegel und den Blutdruck hoch. Vergebung ist daher auch eine Form der emotionalen Hygiene, um die eigene Gesundheit zu schützen.
Vergebung wird oft missverstanden. Sie bedeutet nicht, entstandenes Unrecht kleinzureden, zu ignorieren oder zu leugnen. Wahre Vergebung setzt voraus, dass wir die Schuld erst einmal glasklar benennen. Erst dann folgt die Entscheidung, das Recht auf Groll und Rache ganz bewusst loszulassen und nicht länger Opfer zu sein.
Hierbei ist die Unterscheidung zur Versöhnung entscheidend. Vergebung ist ein innerer Prozess, ein souveräner Akt, den du ganz allein vollziehen kannst. Versöhnung hingegen ist ein gemeinsamer Prozess, der nur möglich ist, wenn beide Seiten daran arbeiten, Vertrauen wieder aufzubauen.
Vergebung ist oft ein Prozess, der Zeit braucht. Es ist eine Entscheidung und kein Gefühl. Wer darauf wartet, sich bereit zu fühlen, wartet oft vergeblich. Hier hilft der „Als-ob-Ansatz“: Handle so, als hättest du der anderen Person bereits vergeben, auch wenn es sich noch nicht so anfühlt. Die Gefühle ziehen oft erst zeitversetzt nach, wenn die Entscheidung den Weg geebnet hat.
Letztlich entspringt die Kraft zur Vergebung der Erkenntnis, dass wir selbst Fehler machen und auf Vergebung angewiesen sind. In einer langjährigen Partnerschaft sind wir nicht nur Opfer, sondern unweigerlich auch immer wieder Täter.
Zu vergeben ist nicht leicht, es ist ein ständiges Training. Aber es ist der einzige Weg, um nicht in der Affenfalle einer bitteren Partnerschaft zu enden.
Oder wie es C.S. Lewis 1947 in seinem Essay „Über Vergebung“ geschrieben hat: „Ein Christ sein heißt, das Unentschuldbare vergeben, weil Gott das Unentschuldbare in uns vergeben hat. Das ist hart. Es ist vielleicht nicht so hart, ein einzelnes großes Unrecht zu vergeben. Aber die unablässigen Herausforderungen des täglichen Lebens zu vergeben – immer wieder […] dem tyrannischen Ehemann, der nörgelnden Gattin, […] vergeben – können wir das?“