Wie kann ein Wort so harmlos klingen und gleichzeitig voller Sprengkraft sein? Ich muss es manchmal nicht einmal aussprechen – eine Andeutung reicht – und löse damit schon mittelschwere bis krasse Konflikte aus. Die Rede ist vom niedlichen Begriff «Ämtli» und der großen Idee, dass alle Familienmitglieder einen Beitrag leisten. Noch bevor wir überhaupt Eltern wurden, haben mein Mann und ich in grenzenlosem Idealismus beschlossen, dass unsere Kinder im Haushalt mithelfen sollten. Verantwortung übernehmen, Selbstwirksamkeit erfahren, life skills erlangen etc. etc. Naja, und jetzt hängen wir da seit bald 18 Jahren drin und machen unsere leidigen Erfahrungen.
Erst kürzlich krachte es wieder ordentlich, weil unsere beiden Teenietöchter ihre Jobs anders priorisieren als wir Eltern. Fast zeitgleich fand ich einen A5-Zettel von vor vielen Jahren mit der Überschrift: «Wer macht was im Haus?» Darunter hatte unsere ältere Tochter in noch ungelenker Handschrift und kreativer Rechtschreibung Ämtli aufgelistet – samt Koordinatensystem, in dem jeder eintragen sollte, was erledigt wurde.
Ich musste schmunzeln. Wie viele verschiedene Systeme haben wir uns über die Jahre ausgedacht? Jeder neue Plan ließ die Ämtli für kurze Zeit weniger mühsam erscheinen. Als unsere Kinder noch nicht lesen konnten, halfen Magnete mit Symbolen am Kühlschrank und es gab Sticker zur Belohnung. Später haben wir es mit “Gamification” probiert und die Jobs auf kleine Kärtchen geschrieben. Am Samstagmorgen zog jedes Familienmitglied drei Karten und dann ging’s los. Es gab sogar Aktionskarten, wie zum Beispiel “Mache ein Vorher-Nachher-Foto und schicke es in die Familiengruppe”. Eine Zeit lang funktionierte das gemeinsame “Powerputzen”: Wir haben eine Zeit definiert, eine Playlist ausgesucht und einen Timer eingestellt. Solange die Musik lief, räumten wir an verschiedenen Stellen auf, wischten Staub, hängten Jacken auf usw.
Im Laufe der Jahre haben wir so ziemlich alles probiert: Wir haben ermutigt, um Verständnis geworben, gebettelt, geschimpft, mit Konsequenzen gedroht, logische Folgen eintreten lassen und im Familienrat nach Lösungen gesucht. Im Moment sind wir zurück bei festen Zuständigkeiten, die bis zu den nächsten Schulferien gelten. Und zwar auf ausdrücklichen Wunsch unserer Töchter. Sie fanden, dass wir ständig neue Ämtli für sie hätten. Das nervte sie gewaltig. “Ich will lieber für eine Sache komplett verantwortlich sein”, meinte unsere jüngere Tochter und kümmert sich seither um den Müll.
Schon unzählige Male wollte ich das Handtuch werfen, weil ich die endlosen Diskussionen leid bin. “Andere müssen viel weniger helfen als wir!” Immer wieder male ich mir aus, dass das Zusammenleben einfacher wäre, wenn ich die Dinge selbst erledige. Gleichzeitig bin ich nach wie vor überzeugt von unserer alten Idee. Und so ziehen wir es durch – auch wenn wir irgendwann bei Lösung Nr. 237 landen.
Bei welchem (Erziehungs-)Thema willst du immer mal wieder das Handtuch werfen, weil es einfach nur mühsam ist?
Was könnte eine (nächste) Lösung für deine Familie sein und auf welchem Weg könntet ihr sie finden? Welche Ideen bzw. Vorschläge haben deine Familienmitglieder?