Das neue Jahr ist noch jung. Und auch wenn ich keine Neujahrsvorsätze fasse, ist der Übergang vom alten ins neue Jahr eine Art Zäsur. Es gibt Dinge, die möchte ich im alten Jahr zurücklassen, und andere möchte ich im neuen Jahr bewusst angehen. Bewusst angehen möchte ich Folgendes:
Seit ich Familie habe, weiß ich mit Sicherheit, dass Loben und anerkennende Worte nicht zu meinen Stärken gehören. Im Vergleich zu meinem Umfeld mache ich das selten. Und meine Kinder für etwas, das sie getan haben, zu belohnen, käme mir nicht im Traum in den Sinn. Gleichzeitig weiß ich, dass Liebe, die sich in Worten ausdrückt (also Lob und Anerkennung), von meinem Mann und meinen Kindern sehr geschätzt wird. Nun las ich kürzlich wieder einmal, dass zu viel Lob schadet. Good News für mich, oder? Aber stimmt das? Wollen nicht alle Menschen gelegentlich für etwas gelobt oder belohnt werden?
In einer Studie aus dem Jahr 1973 ließen Forschende Kinder ihr Lieblingsspiel oder ihre Lieblingsbeschäftigung aussuchen. Eine Gruppe von Kindern malte mit Buntstiften. Sie taten dies fröhlich und aus Freude. Später erhielt eine der Kindergruppen ein Zertifikat mit goldenem Siegel und Schleife als Belohnung. Die Forschenden fanden heraus, dass die Kinder, die ein Zertifikat erhalten hatten, nur noch halb so wahrscheinlich zeichnen wollten, wie diejenigen, die keines erhalten hatten. Diese Erkenntnis wurde bis heute in vielen weiteren Studien bestätigt.
Ich lerne: Kinder für Dinge zu belohnen oder zu loben, die sie gerne oder von sich aus tun, ist kontraproduktiv. Aber auch, wenn man für eine Aufgabe oder etwas, das sein muss, belohnt oder gelobt wird, ist das eher merkwürdig als zielführend.
Während ich diesen Beitrag schreibe, putzt unsere Jüngste das Badezimmer. Alle fünf Wochen ist sie an der Reihe und es geht nicht immer ohne Widerstand über die Bühne. Sie putzt aber nicht ungern und ein sauberes Badezimmer findet sie toll. Man sieht den Unterschied zu vorher und es riecht gut. Dafür braucht sie weder ein Lob („Super, wie gut du den Spiegel geputzt hast“) noch einen Blumenstrauß als Belohnung. Das fände sie irritierend – vor allem, wenn dieselbe Person beim nächsten Zähneputzen den Spiegel mit Zahnpasta vollspritzt und dann achtlos den Raum verlässt.
Warum ist das so? Bei dem, was wir tun, geht es um Motivation und darum, woher diese kommt. Wenn ein Kind gerne zeichnet, bereitet ihm die Tätigkeit an sich Freude und macht es zufrieden. Das Badezimmer putzt es, weil es weiß, dass sein Beitrag zum Wohlbefinden der Familie wesentlich ist. Das bewirkt bei ihm Freude und Zufriedenheit. Lob und Belohnungen verändern das, die innere Motivation und Zufriedenheit sinken. Aus Innen wird Außen. Das Kind lernt, seine Tätigkeit anhand dessen zu wertschätzen, was ihm andere Menschen dafür geben. Es zeichnet, weil andere seine Zeichnungen toll finden. Es putzt das Badezimmer, weil es eine Belohnung dafür erhält. Und in beiden Fällen sinkt die innere Bereitschaft, es einfach so zu tun.
Deshalb nehme ich mir vor, zukünftig den Fokus auf Folgendes zu legen: Sehen und gesehen werden. Konkret bedeutet das: Ich lobe oder belohne nicht, sondern sehe hin und nehme wahr. Weil meine Kinder (und mein Mann) sich wünschen, gesehen zu werden.
Konkret können wir als Eltern Fragen zur Zeichnung stellen, wir können uns Zeit nehmen und in einem Gespräch Augenkontakt herstellen. Wir können beschreiben, was wir wahrnehmen, und Gefühle spiegeln. Wir können mit leuchtenden Augen unsere Freude darüber ausdrücken, dass das Kind trotz Zeitnot oder inneren Widerständen das Bad geputzt hat, und ihm erklären, dass uns seine Mithilfe wirklich entlastet.
Im neuen Jahr warten sicher Herausforderungen auf uns alle. Aber ob in unseren Familien Friede herrscht, hängt nicht davon ab, ob wir gerade in ruhigen Gewässern unterwegs sind oder nicht. Sondern (zumindest ein Stück weit) davon, ob wir uns gegenseitig sehen und gesehen werden. Kinder, die sich wahrgenommen und begleitet fühlen, entwickeln eine innere Stärke und Motivation, die sie – unabhängig von der Meinung anderer – mutig durchs Leben gehen und Dinge anpacken lässt.
Wie hast du es mit Loben und Belohnungen?
Überlege dir für jedes Kind eine alltägliche Situation, in der du hinsehen und wahrnehmen kannst (wenn ein Kind etwas von dir möchte, wenn ein Kind aus der Schule nach Hause kommt, beim abendlichen Aufräumen, beim Ins-Bett-Gehen usw.). Wie sieht dein Hinsehen aus?
Wo möchtest du gesehen werden? Sprich mit Gott, der dich sieht, darüber.