Ich warte ungern. Wenn ich in einem Wartezimmer sitze, lese ich etwas. Wenn ich am Telefon in der Warteschleife lande, erledige ich nebenbei etwas anderes. Zeit muss man nutzen; diese Überzeugung steckt tief in mir drin. Das liegt sicher an meiner Prägung (in meiner Familie ist man fleißig). In Kombination mit ein paar leicht zu merkenden Bibelversen wie „Kauft die Zeit aus …“ oder „Geh und beobachte die Ameisen, du Faulenzer“ sowie dem aktuellen Selbstoptimierungstrend, das Beste aus sich und seinem Leben zu machen, ergibt das zuweilen eine ungute Mischung.
Zum Beispiel kürzlich, als nach einem intensiven Arbeitstag der Zug – mein Zug – ausfiel. Ich musste mich gedulden und den nächsten Zug abwarten. Ein Buch hatte ich nicht dabei und der Akku meines Handys war zu schwach, um noch etwas damit anzufangen. Ich ärgerte mich – über die Verzögerung, die eisigen Temperaturen und über die unproduktive Wartezeit. Ein paar tiefe Atemzüge später, wunderte ich mich über meinen Ärger. Wo war ich falsch abgebogen, dass mich eine kleine Planänderung kurzfristig aus dem Konzept brachte?
Während ich wartete, begann ich, übers Warten nachzudenken. Wartezeiten sind in vielen Bereichen unseres Lebens mittlerweile verschwunden. Vieles ist sofort möglich und verfügbar. Damit ist jedoch auch unsere Fähigkeit, zu warten, verschwunden, und wir bewerten Zeiten des Wartens negativ. Es ist offensichtlich: Warten ist für niemanden einfach, für unsere Kinder ist es sogar richtig schwierig. Dabei hat die Fähigkeit, zu warten, bemerkenswerte Auswirkungen auf unser Leben.
Kennst du das Marshmallow-Experiment? Wenn nicht, kannst du dir ein paar Videos davon auf YouTube ansehen. Darin sieht man, wie Kinder vor einem Marshmallow sitzen und beinahe verzweifeln, weil sie es nicht essen dürfen. Sie wissen nämlich, dass sie ein zweites Marshmallow erhalten, wenn sie eine Zeit lang der Versuchung widerstehen können, das erste zu verschlingen.
Ist dein Kind oft ungeduldig und anspruchsvoll? Beobachtest du, wie es schnell frustriert ist, wenn die Welt sich nicht kooperativ zeigt und Schwierigkeiten auftreten? Das liegt sicher daran, dass Kinder Kinder sind. Und es liegt daran, dass Warten auch im Familienalltag keine große Rolle mehr spielt. Das Marshmallow-Experiment ist simpel, die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind es jedoch nicht.
Wer warten und darauf verzichten kann, das Marshmallow sofort zu essen, zeigt, dass er auf eine sofortige Bedürfnisbefriedigung zugunsten einer späteren, aber dafür größeren Belohnung verzichten kann. Kinder, die (im Experiment) warten konnten, waren später erfolgreicher in der Schule, besser im Umgang mit Mitmenschen, selbstbewusster und stressresistenter. Sie konnten Frustrationen besser aushalten und mit widrigen Situationen klarkommen.
Wie viel Warten ist in unserem Alltag drin? Wie und wo können wir Momente des Wartens bewusst als das sehen und nutzen, was sie sind – als persönlichkeitsbildende Trainingsmomente für uns und unsere Kinder?
Hier eine unvollständige Aufzählung von Situationen, in denen Warten im Alltag vorkommen kann:
Warten übt man in Alltagssituationen. Warten (können) ist nicht aufregend, aber essenziell. Und es ist definitiv mehr als eine Geduldsprobe. Weil wir beim Warten lernen, Frustrationen auszuhalten, Probleme nicht überstürzt zu lösen und Bedürfnisse resp. deren Erfüllung aufzuschieben.
Wie geht es dir, wenn du warten musst?
Wo habt ihr in eurem Familienalltag Momente, in denen die Kinder warten müssen?
Möchtest du weitere Alltagssituationen bewusst nutzen, um deine Kinder darin zu stärken, Frustrationen auszuhalten und Bedürfnisse aufzuschieben?
Vergiss nicht, Momente, in denen deinen Kindern das Warten gelingt, wahrzunehmen und positiv zu verstärken!