Ich mag es nicht, in die Ferien zu fahren. Aber ich liebe es, in den Ferien zu sein. Es ist ein bisschen rätselhaft, aber es ist eine Tatsache, dass ich mich am Reisetag überwinden muss, das Haus zu verlassen. Am Ferienende ist es genauso. Nach ein paar Stunden ist alles wieder gut, nur die Übergänge sind – sagen wir mal – etwas herausfordernd.
Jetzt ist wieder Übergangszeit. Für die meisten von uns bedeutet das den Wechsel vom Ferienmodus in den Alltagstrott. Kinder gehen neu in die Spielgruppe, in die Kita, in den Kindergarten oder in die Schule. Andere wechseln in die Oberstufe, die weiterführende Schule oder beginnen eine Lehre. Natürlich geht jeder von uns anders mit Veränderungen um. Die einen nehmen es leicht, andere machen sich lange im Voraus Gedanken. Die einen sprechen darüber, die anderen nicht. Kinder können ihre Gedanken und ihr eventuelles Unbehagen häufig nicht in Worte fassen. Es ist normal, wenn sie im Moment des Übergangs heftig reagieren.
So wie eines unserer Kinder, als es Skifahren lernte und dafür eine Woche lang jeden Vormittag die Skischule besuchte. Am ersten Tag weinte es beim Frühstück bitterlich und wollte auf gar keinen Fall hingehen. Was sollten wir tun? Wir entschieden uns, den Versuch zu wagen – mit einem schlechten Gewissen. Wer tut das seinem Kind an?! Das Abgeben ging problemlos über die Bühne, doch unser schlechtes Gewissen blieb. Als wir es abholten, stellten wir fest, dass sie die Skischule liebte und auf keinen Fall für das Mittagessen nach Hause wollte. Was es mit Protest und Weinen zum Ausdruck brachte. Am nächsten Tag wiederholte sich die Szene. Am übernächsten Tag auch. Dann entspannte sich die Situation beim Frühstück – die Vorfreude siegte.
Ein paar Jahre später fiel es einem Kind über lange Zeit schwer, morgens aus dem Haus und in die Schule zu gehen. Es flossen viele Tränen und erst wenn die Schulfreundin an der Haustür klingelte, konnte es sich auf den Weg machen. Kleine und große Übergänge gehören zum Leben. Sie müssen nicht von uns aus der Welt geschafft werden, um ein Kind vor vermeintlich schwierigen Erfahrungen zu bewahren. Übergänge sind normale Erfahrungen, die für Kinder wichtig sind. Es lohnt sich allerdings, Übergänge gut zu begleiten und wahrzunehmen, was ein Übergang für das Kind mit uns Eltern macht und wie es dem Kind dabei geht.
Als Eltern sollen wir ein sicherer Hafen sein und uns im Loslassen üben. Zuhören und die Perspektive des Kindes einnehmen, helfen, damit es sich wahrgenommen und ernst genommen fühlt. Rituale geben Sicherheit. Zum Loslassen gehört das Wissen, dass das Kind schon vieles kann und wir ihm Dinge zutrauen können. Vielleicht hilft auch die eine oder andere Erinnerung an eigene Übergänge in der Kindheit oder als Erwachsene. Wie gesagt, manchmal ist der eine oder andere von uns etwas speziell. Und ganz wichtig: Die Herausforderungen unserer Kinder bei Übergängen zu belächeln, kleinreden oder ignorieren bringt nämlich nichts.
Welche Übergänge fallen dir persönlich schwer?
Welche Übergänge muss dein Kind im Moment bewältigen? Wie kannst du es dabei begleiten?
Es ist Sommer und es ist heiss. Darum folgt an dieser Stelle ein Beitrag mit abkühlender Wirkung.
Wir sind als Familie auf Skitour unterwegs. Drei Stunden Aufstieg liegen vor uns. Für unsere Tochter ist es das erste Mal, dass sie mit Ski und Fellen Schritt für Schritt den Berg hinauf stapft. Anfangs läuft alles erstaunlich gut. Nach etwa einem Drittel des Aufstiegs meldet sich die erste Krise. In der Hälfte geht dann praktisch gar nichts mehr.
Sie weiss von Bildern, welche Aussicht sie oben erwarten könnte. Sie kann sich den Pulverschnee für die Abfahrt vorstellen. Und doch: Die Beine wollen nicht mehr. Die Kraft reicht nicht aus, um sich selbst weiterzubringen. Unsere ersten Reaktionen als Eltern in diesen Momenten wären von unseren persönlichen Zielen motiviert. Aber so würden wir aus dem Affekt handeln und gegen eine Wand sprechen.
“Du wusstest doch, dass es drei Stunden sind. Jetzt einfach Schritt für Schritt weiter.”
“Wir haben doch gerade Pause gemacht und gegessen. Das müsste doch reichen.”
“Jetzt sind wir schon so weit gekommen…”
Alles gut gemeint. Und trotzdem ziemlich wirkungslos.
Ich schaue meine Tochter an und überlege mir, was sie brauchen könnte. Würde ich sie fragen, würde sie vermutlich sagen: Ich möchte umkehren. Deshalb versuche ich es von einer anderen Seite her anzugehen und sage: «Ich möchte dich bis ganz nach oben bringen. Die Aussicht, der Pulverschnee für die Abfahrt und unser gemeinsames Erlebnis sind es wert, die nächsten Schritte zu machen. Ich trage deinen Rucksack.»
In meiner persönlichen Reflexion nach der Skitour wird (Er)tragen zum eigentlichen Problemlöser dieser Situation. Wir Eltern gehen Wege mit unseren Kindern. Wir möchten sie begleiten, fördern, erziehen. Aber oft verstehen wir Erziehen ein wenig wie das ungeduldige Führen eines Tieres, wenn es an der Leine ist. Will es nicht weiter, dann ziehen wir eben. Es wird schon folgen. Doch niemand möchte an einen Ort gezerrt werden. Und genau da kommen wir oft vom Weg ab.
Ertragen statt Ziehen
Die Situation auf der Skitour wird für mich zum Sinnbild fürs Ertragen: Ich nehme meiner Tochter den Rucksack ab und trage ihn. Der Weg wird für sie leichter, aber gehen muss sie ihn weiterhin selbst. Sie darf Lasten abgeben und trotzdem mit eigener Kraft Schritt für Schritt weitergehen. Der Unterschied ist gross: Sie wird nicht hochgezogen, sondern kommt selbstwirksam an. Am Tag nach unserer gemeinsamen Skitour frage ich sie, was ihr von diesem Tag geblieben ist und warum sie es bis zum Gipfel geschafft hat. Ihre Antwort kommt ohne Zögern: «Wegen dem langsamen Tempo.»
Ich hatte insgeheim gehofft, dass sie mein Eingreifen nennt, das Tragen des Rucksacks. Doch wie so oft kommt es anders, als ich es mir vorstelle. Der Rucksack war vielleicht der Wegbereiter. Genauso wichtig war es, Seite an Seite mit ihr den Weg in ihrem Tempo zu ertragen.
So ist Erziehen eben nicht ein Ziehen, sondern ein (Mit)tragen.
Wo ziehst du deine Kinder?
Wo und wie könntest du sie (er)tragen oder (mit)tragen?
Wähle eine Alltagssituation und formuliere für dich, wie das konkret aussieht.
Unsere Jüngste ist zu einer Hochzeit eingeladen. Ihre Kleingruppenleiterin heiratet. Die Aufregung unter den Mädchen ist riesig und hat sich ins fast Unermessliche gesteigert, seit sie wissen, dass sie so eine Art Brautjungfern sein dürfen. Das Brautpaar mag es zwar eher natürlich und ungezwungen, doch die Mädchen haben wohl zu viele romantische Filme gesehen. Sie haben unzählige Ideen für das Kleid, aber keinen Plan, was die Details betrifft. Ich beschränke mich aufs Zuhören und Beobachten – zumindest am Anfang.
Je länger die Diskussionen dauern und je wilder die Ideen werden, desto nervöser werde ich. Die Zeit bis zum Hochzeitstermin ist knapp bemessen und es geht nicht einfach darum, eine Jeans oder ein T-Shirt zu kaufen. Nach unzähligen (Sprach-)Nachrichten im Kleingruppen-Chat der Mädchen ist klar, dass wir A) vor Ort kein Kleid finden werden und B) der Onlinehändler meines Vertrauens kein Kleid im Angebot hat, das den Mädchen gefällt.
Es gibt ein paar Dinge in meinem Leben, die das Potenzial haben, mich zur Verzweiflung zu treiben. Diese Situation gehört aus folgenden Gründen dazu:
Ich bin gestresst, meine Tochter überfordert. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Dampf ablassen würde helfen. Nur, wie lasse ich Dampf ab, ohne unfair zu werden? Sie und ich sitzen im gleichen Boot. Es nützt nichts, die Ruder gegeneinander einzusetzen. Stattdessen vereinbaren wir einen Termin für später am Nachmittag. Bis dahin muss sie sich auf einer Website, die mir eine Freundin empfohlen hat, für ein Modell und eine Farbe entschieden haben.
In der Zwischenzeit gebe ich meinem Mann ein Update. Zwar ist Kleider kaufen in unserer Familie ein typisches Frauenthema, aber ein bisschen Involviertsein und Mitleiden muss sein. Außerdem kann ich so angemessen Dampf ablassen.
Danach ergreife ich die Flucht nach vorn und schreibe einer anderen Mutter. Ich frage nach, wie es bei ihnen aussieht und schreibe, dass ich die Situation herausfordernd finde. Zwei Minuten später ruft sie mich an und von da an ist es ein Kinderspiel. Gemeinsam mit unseren Töchtern finden wir zwei schöne Kleider, die wir dann gemeinsam bestellen. Die Erleichterung ist bei allen groß, auch bei den Teenagern.
Am Abend wundere ich mich über mich selbst. Warum komme ich nicht öfter auf die Idee, den Austausch mit anderen Eltern zu suchen? Auch wir sitzen immer wieder im selben Boot und gewisse Situationen lassen sich durch Austausch und Absprachen so viel besser bewältigen. Natürlich bleibt es unsere Verantwortung, den Rahmen vorzugeben und die Situation zu koordinieren. Aber in herausfordernden Situationen braucht man Verbündete. Zusammen haben wir den Überblick gewonnen, uns eingestanden, dass wir herausgefordert sind, Teenagerkrisen verhindert und uns selbst vor einem verbalen Rundumschlag und nicht angemessenen Reaktionen bewahrt.
Welche Situationen findest du übermäßig herausfordernd?
Wie kannst du sie “entschärfen”?
Wenn andere Kinder / Familien involviert sind: Wo könntest du den Austausch mit anderen Eltern suchen? Wo eher nicht?
Ich bin ein großer Fan von Gebärden für Babys und Kleinkinder. Als unser erster Sohn etwa sechs Monate alt war, habe ich begonnen, die wichtigsten Begriffe immer mit einer Gebärde zu verbinden. Dazu gehörten Milch, Essen, Schlafen, Schnuller – und Bagger. Denn die Baustelle in unserer Straße haben wir regelmäßig besucht, und es war das Größte, wenn der Bagger gerade gearbeitet hat. Dreimal dürft ihr raten, welche Gebärde er mit etwa neun Monaten als Erstes selbst gemacht hat … Richtig: den Bagger. Und als er verstanden hat, dass er damit etwas sagen konnte und ich ihn verstehe, kamen innerhalb kürzester Zeit auch Milch und Schnuller dazu. Von den sogenannten Babyzeichen habe ich durch eine Freundin erfahren, die begeistert davon war, dass ihr Kind schon mit ihr kommunizieren konnte, bevor es sprechen gelernt hatte. Und genauso war auch meine Erfahrung. Wie oft hat man ein brüllendes Kind vor sich und wünscht sich einfach, es könnte sagen, was gerade los ist. Doch bis Kinder sprechen lernen, dauert es eben.
Das Prinzip der Babyzeichen kam in den 1980er Jahren auf und wurde Anfang der 2000er unter anderem von den Professorinnen Linda Acredolo und Susan Goodwyn erforscht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder sowohl in ihrer rezeptiven Sprachentwicklung – also darin, wie viel sie verstehen – als auch in ihrer expressiven Sprachentwicklung Vorteile entwickeln können. Das Erlernen von Babyzeichen fördert die Verknüpfung von akustischen und visuellen Reizen. Gleichzeitig werden motorische Fähigkeiten geschult, wenn Kinder selbst beginnen zu gebärden.
Vor allem aber erleben Babys früh etwas unglaublich Wertvolles: Sie merken, dass sie sich mitteilen können – und verstanden werden.
Erst kürzlich erinnerte mich eine Freundin an eine für sie besondere Situation. Wir waren zum ersten Mal bei ihnen zu Besuch, und mein Sohn fühlte sich mit seinen zwei Jahren offensichtlich nicht ganz wohl. Es war trubelig, laut und ungewohnt. Mit einer Gebärde zeigte er mir, dass er nach Hause gehen wollte. Ich konnte das wahrnehmen und mit ihm darüber sprechen, dass es ihm gerade zu viel war. Durch die Gebärde war es ihm möglich, sich trotz seiner Überforderung auszudrücken – und mir war es möglich, auf ihn einzugehen.
Ich glaube, genau darin liegt etwas, das weit über Babyzeichen hinausgeht. Kinder möchten verstanden werden. Nicht nur als Babys. Immer. Auch ältere Kinder und Jugendliche zeigen oft auf ihre Weise, was in ihnen vorgeht. Nicht jedes „Ist mir egal“ bedeutet wirklich Gleichgültigkeit. Nicht jedes Türenknallen ist nur Trotz. Manche Kinder ziehen sich zurück, andere werden laut, albern oder reden ohne Pause. Hinter vielem steckt eigentlich dieselbe Sehnsucht: „Siehst du mich? Verstehst du, wie es mir gerade geht?“ Vielleicht sind Babyzeichen deshalb gar nicht nur ein Werkzeug für die ersten Lebensjahre. Vielleicht erinnern sie uns Eltern an etwas Grundsätzliches: Kommunikation beginnt lange vor perfekten Worten – und sie lebt davon, dass sich jemand wirklich gesehen fühlt.
Der Schlüssel zur Kommunikation mit Kindern ist nicht, auf alles sofort die richtige Antwort zu haben. Viel wichtiger ist, aufmerksam zu werden. Wirklich zuzuhören. Wahrzunehmen, was unser Kind sagen möchte – manchmal auch zwischen den Zeilen. Augenkontakt hilft. Ein offenes Herz hilft. Geduld hilft. Und manchmal auch die Bereitschaft, kurz innezuhalten und genauer hinzuschauen. Es ist unglaublich wertvoll für Kinder, wenn sie erleben: Ich werde gehört. Ich werde gesehen. Das, was ich fühle, hat Raum. Und vielleicht beginnt genau das schon dann, wenn ein sechs Monate altes Baby begeistert mit seinen kleinen Händen „Bagger“ gebärdet.
Was hilft dir dabei, dein Kind aufmerksam wahrzunehmen und ihm das Gefühl zu geben, verstanden zu werden?
“Wie sag ich’s meinem Kind?” ist die klassische Frage, wenn es um die Vermittlung schwieriger Themen geht. Aktuell beschäftigen mich keine schwierigen Themen, wohl aber unzählige Alltagssituationen, in denen ich mit meinem Teenager spreche. Zwischen Tür und Angel, bei der Erledigung von To-dos, bei der Besprechung von Terminen und beim gemeinsamen Essen wird geredet und gelacht, aber eben auch genörgelt, geschimpft und es werden tausend Wünsche geäußert.
Manchmal kippt die Stimmung. Das Kind schimpft über etwas oder wir Eltern fühlen uns kritisiert und reagieren abwehrend, verteidigend oder mit Gegenkritik. Ob Teenager oder Autonomiephase, Zahnlückenpubertät oder Kinder in der Vorpubertät: Es braucht keine schwierigen Themen, um kommunikativ zu scheitern. Dinge wie Spielsachen aufräumen, Ämtli erledigen, rechtzeitig für einen Zahnarzttermin bereit sein oder die Einhaltung der Zubettgehzeit reichen völlig aus. Obwohl wir beide eher ausgeglichen sind, gelingt es uns mitten im alltäglichen Tohuwabohu nicht immer, im Moment angemessen zu reagieren, uns nicht zu ärgern und nicht zu schimpfen oder nichts zu sagen, was wir später bereuen.
Die Frage ist: Gibt es eine Grenze respektive eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf?
Der Psychologe John Gottman hat vier negative Reaktionsmuster in Gesprächssituationen definiert, die bei Paaren zum Scheitern der Beziehung führen können und die man deshalb unbedingt vermeiden sollte. Diese vier “Reiter” (horsemen), wie er sie nennt, sind: Kritik, Abwehrhaltung, Verachtung und Mauern. Sie zeigen auch in der Eltern-Kind-Beziehung die rote Linie auf.
In seinen Ausführungen erzählt Gottman das folgende Beispiel: Der siebenjährige Benny sitzt neben seinem Bruder beim Frühstück. Benny bemerkt, dass sein Bruder seinen Lieblingslöffel bekommen hat. Er protestiert und bittet seinen Bruder, die Löffel mit ihm zu tauschen. Als er nach dem Löffel greift, verschüttet er versehentlich die Schüssel mit Cornflakes. Seine Mutter, die es eilig hat, ihre morgendlichen Aufgaben zu erledigen, wird wütend auf ihn. Sie schimpft: „Warum kannst du dich nie richtig benehmen? Du bist so ungeschickt, und immer muss alles nach deinem Kopf gehen. Mach das sofort sauber!” (Kritik) Benny zuckt zusammen und schreit: „Das ist nicht meine Schuld! Ich habe gesagt, dass ich keine Cornflakes will. Ich hasse Cornflakes, und ich hasse dich!“ (Abwehr)
Wenn die Mutter an dieser Stelle nicht aus dem Kreislauf von Kritik und Abwehr aussteigt, kommen die anderen beiden Reiter ins Spiel. Vielleicht wird sie den nächsten Satz mit einem verächtlichen Unterton sagen (Verachtung). Und als Folge davon wird sich Benny innerlich aus der Situation zurückziehen und schweigen (Mauern).
Beim Lesen hatte ich zuerst den Gedanken: “Krass, wer reagiert denn so auf sein Kind?” Tatsächlich erlebe ich so etwas in meinem Umfeld praktisch nie. Aber: Nicht immer überschreiten wir die rote Linie so offensichtlich. Ein gereizter Unterton, Ungeduld oder ein Augenverdrehen können auch ohne entsprechende Worte Kritik, Abwehr, Verachtung oder Mauern ausdrücken.
Die Verantwortung, Kommunikation aufzubauen, gesunde Beziehungen vorzuleben und die dafür notwendigen Werkzeuge zu vermitteln, liegt bei den Eltern. Das Kind, dessen emotionales und regulierendes System noch nicht voll entwickelt ist, lernt von uns, wie Gespräche und Beziehungen gelingen können.
Selbstregulation und das Bewusstsein, dass Kinder sich nun mal wie Kinder verhalten, helfen dabei, die rote Linie nicht zu überschreiten. Falls wir sie doch einmal überschreiten, können wir die Verantwortung dafür übernehmen, zeitnah in einer ruhigen Minute darüber sprechen und um Entschuldigung bitten.
Welche der vier Reiter kommen dir bekannt vor? Wann und wo hast du sie verwendet?
Spiele in Gedanken eine Situation noch einmal durch: Wo und wie kannst du aus dem Kreislauf von Kritik und Abwehr aussteigen?
Die Teller sind noch voll, der Hunger groß, die Müdigkeit vom Tag macht sich bemerkbar. Ebenso macht sich Kind 2 lauthals bemerkbar. Selbst «blutte» Teigwaren begeistern nicht mehr – es schreit und knallt alles auf den Boden.
Kurz: Das Chaos ist perfekt.
Er will unbedingt aus dem Kindersitz raus. Alleine spielen? Keine Chance. Was nun? Nach einigen erfolglosen Versuchen haben wir’s geschafft: Er will einfach die abendliche Milchflasche trinken – auf dem Bobby-Car. So what. Wir essen in Ruhe fertig. Variante F hat funktioniert.
Oft wägen wir Variante A gegen Variante B ab – und bleiben dabei erstaunlich eng in unserem Denken. Wir funktionieren im Entweder-oder-Modus: nachgeben oder durchziehen, ruhig bleiben oder konsequent sein. Wenn Plan A und B nicht funktionieren, liegt das Problem oft nicht beim Kind – sondern bei unserem zu kleinen Repertoire. Denn: Kinder sind kein binäres System. Sie sind… kreativ. Emotional. Und komplett unbeeindruckt von unseren Plänen. Oft ist es ein Vorausdenken. Ein Zwei-Schritte-Weiterdenken. Und gleichzeitig die Bereitschaft, diesen Plan wieder loszulassen.
Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, in Varianten zu denken. Nicht nur zwei Optionen zu sehen – sondern mehrere. Gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, was gerade wirklich dahintersteckt. Auch wenn sich dieses Bedürfnis nicht mit unseren Plänen deckt. Nicht immer bequem. Aber oft überraschend wirksam.
Egal wie ausweglos sich eine Situation anfühlt: Es gibt immer mehrere Wege zu reagieren. Mindestens fünf. Eine Frage hilft uns dabei besonders: Wie wichtig ist uns dieser Punkt – genau jetzt? Und genauso wichtig: In welcher Verfassung ist unser Kind? Und in welcher sind wir selbst?
Und dann gibt es noch eine zweite Ebene: Wie können wir unsere Kinder darin unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen? Indem wir ihnen Optionen anbieten, die für uns tragbar sind. Und dann auch aushalten, wenn sie sich entscheiden – inklusive Nachverhandlung. Ganz nebenbei fördern wir so ihre Problemlösungskompetenz.
Das zeigt sich im Alltag erstaunlich konkret: Die Kleiderwahl am Morgen? Darf auch mal kreativ ausfallen. Hauptsache: das Kind ist angezogen. Ob die Kombination „out-of-the-box“ ist? Geschenkt. Meist eher ein Eltern- als ein Kinderproblem.
Oder das Thema Helm: Das Kind will partout keinen anziehen? Dann schiebt es halt das Fahrrad. Oder nimmt das Kickboard. Oder läuft. Oder zieht irgendwann doch den Helm an. Irgendwie will es ja von A nach B kommen.
Elternsein ist kein Richtig-oder-Falsch. Es ist situatives Reagieren. Eine wichtige Erkenntnis für uns: Wir dürfen uns Spielraum nehmen. Wir müssen nicht perfekt reagieren. Wir müssen nicht «die richtige» Lösung finden. Manchmal ist die beste Reaktion einfach die, die die Situation nicht noch schlimmer macht. Tönt gut in der Theorie. Und in der Praxis?
Was, wenn Plan A und B nicht funktionieren? Vielleicht…
… Pause statt Reaktion? Weil nicht jedes Problem hier und jetzt gelöst werden muss.
… Humor statt Kontrolle? → Weil Lachen oft schneller verbindet als Erklären.
… Nähe statt Logik? → Weil hinter dem Verhalten meist ein Bedürfnis steckt.
… Loslassen statt durchziehen? → Weil nicht jeder Kampf ein guter ist.
… Perspektivenwechsel statt Bewertung? → Weil hinter dem Verhalten meist ein Bedürfnis steckt.
… Selbstfürsorge statt Selbstkritik? → Weil übermüdete Eltern selten pädagogische Meisterwerke liefern.
Vielleicht geht es gar nicht darum, immer einen Plan zu haben. Sondern darum, beweglich zu bleiben, wenn keiner funktioniert. Kinder bringen uns regelmäßig an den Punkt, wo unsere Pläne enden. Und genau dort beginnt oft echte Beziehung.
Wo erkenne ich festgefahrene Denkmuster? Wo habe ich Lust, bewusst etwas Neues auszuprobieren? Finde ich fünf Optionen für eine Situation, die mich als Elternteil stresst? Was ist für mich nicht verhandelbar – und warum eigentlich?
Kinder sind anstrengend! Das ist zwar nur die halbe Wahrheit, aber es lohnt sich, auch diese Hälfte der Wahrheit genauer anzuschauen. Wer die eigenen Kinder als anstrengend empfindet, meint in der Regel, dass sich die Aufgaben der Elternschaft aufstauen und (übermäßigen) Stress verursachen. In der Folge werden wir müde – elternmüde (oder erziehungsmüde).
Das kann alle Eltern treffen. Auch Eltern, deren Kinder keine besonderen Herausforderungen oder Schwierigkeiten zu bewältigen haben. Es gibt auch nicht den einen Grund für die Elternmüdigkeit. Es gibt viele Ursachen und viele individuelle Situationen, die mit den Kindern, den Lebensumständen und äußeren Faktoren zusammenhängen. Zu den häufigsten Ursachen zählen Stress und die emotionale Belastung, die das Elternsein mit sich bringen kann. Hinzu kommt die reale Erschöpfung. Ein Baby und ein Kleinkind sorgen für Nächte mit weniger und unregelmäßigem Schlaf. Später – mit größeren Kindern – sind es vielleicht außerschulische Aktivitäten, die zu langen Tagen und viel Unterwegssein führen. Gleichzeitig kümmern wir uns um den Haushalt, arbeiten und haben eigene Aktivitäten wie Sport oder Hobbys. Und natürlich möchten wir so viel wie möglich zu Hause und für unsere Kinder da sein.
Unser übervolles Leben macht uns müde. Nicht nur die Kinder. Bei unseren Kindern machen sich Erschöpfung und Anstrengung einfach besonders bemerkbar. Denn sie brauchen uns in besonderer Weise und wir möchten unsere Sache möglichst gut machen. Wenn es um unsere Kinder geht, sind wir besonders verletzlich und fühlen uns schnell schuldig.
Das ist eine typische Dilemma-Situation. Auf der einen Seite haben wir unser (über-)volles Leben, das wir im Grunde genommen lieben und das für unsere Gesellschaft völlig normal ist. Alle machen es so. Auf der anderen Seite merken wir, dass uns genau dieses Leben auch müde macht. Vielleicht haben wir uns bereits eingestanden, dass niemand alles schaffen und unter einen Hut bringen kann. Aus dem Dilemma herauszukommen ist möglich – aber nur mit Abstrichen… Wir haben uns in all unseren Familienjahren immer mal wieder in “Zuviel”-Situationen wiedergefunden. Konkret entlastet haben uns die folgenden relativ unspektakulären Punkte.
Weniger ist mehr: Einzeln betrachtet ist alles, was ich in mein Leben hineinpacke, sinnvoll und notwendig. In der Summe ist es dann aber oft zu viel. Was kann ich loslassen? Wo kann ich mich unterstützen lassen? Ich kenne eine Familie, die sich während der Kleinkindphase mit drei Kindern eine Haushaltshilfe leistete und dafür auf Ferien verzichtete. Wir als Eltern entschieden, dass unsere Kinder während der Grundschulzeit nur die Freizeitaktivitäten besuchen durften, die sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad alleine bewältigen konnten. Selbstverständlich beschwerten sie sich darüber und waren noch lange davon überzeugt, dass ihre Fußball- und Tanzkarriere ohne unsere Einschränkungen ganz anders verlaufen wäre. Aber uns hat es entlastet. Persönlich bin ich auch heute noch herausgefordert, „Nein” zu sagen. Das kostet mich einiges; denn es gibt viele Projekte, in denen ich liebend gerne mittun möchte.
Nicht für den besten Fall zu planen. Es gibt die Zeiten, in denen wir uns gut fühlen, weil alles nach Plan verläuft und wir das Leben im Griff haben. Diese Zeiten sollen wir genießen, uns aber nicht in falscher Sicherheit wiegen. Denn in einem vollgepackten Leben reichen Kleinigkeiten, damit das Familienboot ins Schaukeln gerät. Es lohnt sich deshalb, im Alltag den Spielraum nicht voll auszureizen und zu verplanen. Spielraum zu haben, bedeutet, handlungsfähig zu bleiben.
Prioritäten setzen: Anhaltende Elternmüdigkeit lässt sich durch gute Selbstfürsorge meist verhindern. Darum müssen wir hier Prioritäten setzen. Einerseits, indem wir uns als Eltern gegenseitig Zeit für Aktivitäten ermöglichen, die neue Energie geben. Andererseits sollten wir Freiraum für uns als Paar schaffen und gemeinsam Zeit verbringen. Es lohnt sich, dafür einen Babysitter zu engagieren oder Familie und Freunde zu bitten, auf die Kinder aufzupassen. Diese Zeiten sind besonders wichtig für Eltern, die ihre Kinder nicht als Paar erziehen. Sie helfen uns, als Mutter oder Vater präsent zu sein und gut mit unserer Verantwortung umzugehen.
Wie geht es dir aktuell? Bist du voller Energie oder bist du eltern-/erziehungsmüde?
“Niemand kann alles schaffen oder unter einen Hut bringen”. Was löst dieser Satz bei dir aus?
Wenn du etwas ändern möchtest: Wo und wie machst du einen ersten konkreten Schritt?
Dass ich diese Aussage mal in die Tasten haue, habe ich bis vor ein paar Jahren noch für unrealistisch gehalten. Die Schule, die mir selbst als Kind so viel gegeben hat. Die mir – vielleicht nicht durchs Band, aber die meiste Zeit über – Spaß gemacht, mich in meiner Wissbegier abgeholt und mich positiv herausgefordert hat. Dieses (mein) Bild der Schule erfuhr aufgrund meiner elterlichen Erfahrungen, die mit vier Kindern relativ breit ausfallen, einen ordentlichen Knacks.
Selbst als meine Kinder längst alle eingeschult waren, ging ich noch lange davon aus, dass sich die Freude an der Schule bei allen früher oder später einstellen würde, und tat mangelnde Kooperation und fehlende Motivation unter «holpriger Schulstart», «schwieriges Klassenklima» o.Ä. ab. Etwas anderes konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Doch heute weiss ich: Ich lag falsch. Schule ist für manche Kinder nichts anderes als ein Ort, wo sie fünf Tage die Woche hin müssen. Hätten sie die Wahl, würden sie nicht hingehen. Auf die Frage «Was findsch läss a de Schuel?» antworten sie ausschließlich mit: «Mini Klassekamerade!» Das war’s dann auch schon.
Es liegt mir fern, hier Schulbashing zu betreiben. Das machen schon genügend andere Eltern (zumindest in meinen Breitengraden) und es scheint mir wenig zielführend, in diesen Kanon einzusteigen. Nein, es geht mir um etwas ganz anderes. Es geht mir um unsere elterlichen Vorstellungen und Glaubenssätze, die wir (meist unbewusst) auf unsere Kinder übertragen, wie in meinem Fall die «Man kann nicht nicht gerne zur Schule gehen»-Überzeugung. Und um die Tatsache, dass wir unsere Kinder mit diesen Überzeugungen arg unter Druck setzen können, wenn wir sie nicht erkennen und reflektieren.
Mich hat’s beim Thema Schule erwischt. Durchspielen lässt sich das Ganze aber im Grunde an jedem erdenklichen Familienthema, von Essgewohnheiten über Hobby-Präferenzen bis hin zur Wahl des Freundeskreises. Das Prinzip ist immer dasselbe: Mama oder Papa haben eine klare, durch ihre persönliche Biografie und Sozialisierung gefärbte Vorstellung davon, wie etwas sein, ablaufen, empfunden werden sollte, weshalb es für sie schwer nachzuvollziehen ist, wenn das Kind es anders sieht, macht oder schlichtweg nicht kann oder will.
Ob ich will oder nicht, die eigene Erfahrung drückt fast immer durch. Wenn ich etwas nicht als problematisch erlebe resp. erlebt habe, kann ich den Leidensdruck, den mein Kind mit derselben Situation hat, nicht wirklich nachvollziehen. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist deshalb, überhaupt zu erkennen, dass eine Diskrepanz zwischen meiner Wahrnehmung und derjenigen meines Kindes vorliegt. Um dahin zu kommen – und besser damit umgehen zu können –, hilft es mir persönlich, folgenden Dreiklang jeweils durchzuspielen:
Akzeptieren: Dabei versuche ich, die aktuelle Realität, eine aufreibende Situation oder unangenehme Gefühle weder sofort verdrängen noch bekämpfen zu wollen, sondern bewusst anzuerkennen, dass da was ist, was stört. Das allein kann den inneren Widerstand bereits reduzieren.
Pausieren: Ich unterbreche mein gewohntes Handeln oder Denken, steige also bewusst aus dem Autopiloten aus. Das hilft, Abstand zu gewinnen und klarer – weil eben nicht im bekannten Schema – zu denken.
Engagieren: Innehalten und auf Abstand gehen führen dazu, dass ich kreativ und neugierig auf das «Andere» zugehen und mehr darauf vertrauen kann, dass der andere Weg auch ans Ziel führt.
Welche Vorstellungen und Wünsche, die mein(e) Kind(er) anbelangen, sollte ich überdenken und mal einer ehrlichen Revision unterziehen?