FAMILYLIFE
Engagieren

Sandra ist frustriert. Max ist unzuverlässig und das nervt sie tierisch. Sie übernimmt die gesamte Organisation, hat Termine und Aufgaben im Kopf und muss am Ende noch einmal nachkontrollieren, ob auch wirklich alles klappt, selbst wenn Max eigentlich die Verantwortung dafür trug. Sie fühlt sich längst nicht mehr wie seine Partnerin, sondern eher wie seine Mutter. Immer wieder hat sie ihn gebeten, mehr Verantwortung zu übernehmen. All ihr Kritisieren und Appellieren blieb jedoch ohne Erfolg. Sandra hat wirklich alles versucht, außer einer einzigen Sache: Sie ist noch nie auf die Idee gekommen, ihre eigene Position zu verändern.

Wir gehen davon aus, dass wir unabhängige Individuen sind. Unserem Denkmodell zufolge sind unsere Mitmenschen nun einmal so, wie sie sind. Sie verhalten sich auf eine bestimmte Weise und wir müssen dann darauf reagieren.

Doch die Realität gleicht eher einer Gigampfi (Schweizerdeutsch für Wippe), auf der wir gemeinsam sitzen. Mein Gegenüber sitzt am einen Ende, ich am anderen. Wir sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn der eine sich bewegt, hat das unweigerlich Auswirkungen auf den anderen.

Das Gegenüber zu verändern, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Am Anfang nachhaltiger Veränderung steht oft die harte, aber befreiende Einsicht: Mein Partner ist (auch) so, wie er ist, weil ich so bin, wie ich bin. Das mag nicht in jedem einzelnen Fall komplett zutreffen, aber es stimmt weitaus häufiger, als uns lieb ist. Wir sind Mitverursacher unserer eigenen Beziehungssituation. Wir haben aktiv dazu beigetragen, genau die Situation zu kreieren, über die wir uns gerade ärgern.

Statt uns also über unser Gegenüber aufzuregen, das stur dort oben auf der Gigampfi sitzen bleibt und sich keinen Millimeter bewegt, könnten wir unsere eigene Position verändern. Wenn wir uns kräftig abstoßen, wird sich die Gigampfi bewegen, und es kommt Schwung in die festgefahrene Beziehung.

Statt sich der schwierigen Eigenart ihres Partners hilflos und ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen, stellt sich Sandra die entscheidende Gigampfi-Frage: Wie habe ich dazu beigetragen, diese Situation zu kreieren, die ich nicht haben will? Dabei geht ihr ein Licht auf. Max kann nur deshalb so unzuverlässig sein, weil sie immer wieder hinter ihm aufräumt, für ihn einspringt und die Verantwortung übernimmt. Ihre ständige Verantwortungsübernahme ermöglicht erst seine Unzuverlässigkeit.

Sandra erkennt ihre Position auf der Gigampfi und beschließt, sich zu bewegen. Sie verändert ihr Verhalten, indem sie Dinge nun auch mal scheitern lässt und nicht mehr eingreift. Als Max das nächste Mal vergisst, die vereinbarten Konzertkarten zu besorgen, zaubert sie nicht eine Alternative aus dem Hut oder übernimmt die Organisation. Der Ausflug fällt schlichtweg ins Wasser.

Die Chancen stehen gut, dass die Gigampfi nun in Bewegung gerät. Max ist im ersten Moment vielleicht irritiert, aber er wird seine Position verändern müssen, weil das alte Gleichgewicht nicht mehr existiert. Sandra hat aufgehört, ihn für seine Unzuverlässigkeit zu kritisieren, aber auch damit, ihm alles abzunehmen. Sie hat ihre eigene Position und damit das ganze System verändert. Durch ihre Bewegung entsteht eine neue Dynamik, in der er gezwungen ist, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wir sind nicht die ohnmächtigen Opfer der Eigenarten unserer Partner. Wenn wir aufhören, uns auf die Fehler des anderen zu fixieren, und stattdessen unsere gemeinsame Dynamik betrachten, gewinnen wir unsere Handlungsfähigkeit zurück. Die nächste Krise ist nicht der Moment, um sich über den anderen zu beklagen, sondern um zu schauen, wo man selbst auf der Gigampfi sitzt – und dann das Gewicht mutig zu verlagern.

„Ich habe dir doch gesagt, dass es mir wichtig ist, dass du in dieser stressigen Zeit nicht noch mehr weg bist. Und jetzt gehst du ausgerechnet heute noch Basketball spielen! Es ist mir einfach zu viel, so sehen wir uns ja fast gar nicht mehr“, sagt Nina.

„Aber genau das habe ich doch getan. Ich bin gar nicht viel weg“, erwidert Fabian.

Jetzt kommt sie in Fahrt: „Und was ist mit der Mitgliederversammlung am Freitag? Und dem Bierchen mit Christian? Und gestern, an unserem einzigen freien Abend in dieser Woche, bist du auch später von der Arbeit nach Hause gekommen!“

„Ich habe Christian extra abgesagt, beim Umzug zu helfen, damit wir mehr Zeit zusammen haben!“, verteidigt er sich aufgebracht.

„Nein, damit du dir am Abend das Spiel anschauen kannst“, kontert sie.

So geht es noch eine Weile weiter, bis die Situation schließlich eskaliert und sich Nina schweigend ins Bett zurückzieht – wütend und unverstanden.

Fabian und Nina haben genau eine Konfliktlösungsstrategie: Sie versuchen sich darüber einig zu werden, wie der Sachverhalt tatsächlich war, um am Ende festzustellen, wer die Schuld trägt. Die meisten Paare kennen und nutzen diese Methode, die Faktenschlacht. Und das, obwohl die Datenlage eindeutig ist: Dieser Ansatz hat sich nicht bewährt und ist selten von Erfolg gekrönt. Trotzdem bleibt er der Standard in unseren Wohnzimmern.

Machen wir uns nichts vor: Man wird sich nie einig darüber werden, was „nicht noch mehr weg sein“ wirklich bedeutet. Genauso wenig wie darüber, was unter „unnötige Ausgaben vermeiden“, „zu selten Sex haben“ oder „mich mit mehr Respekt behandeln“ zu verstehen ist. Wir streiten in einer Beziehung über Dinge, die nicht objektiv feststellbar sind, sondern einen relationalen Aspekt haben – sie existieren nur in der Dynamik zwischen uns. Genau deshalb können sich Paare hier oft gar nicht einig werden. Und genau deshalb ist die Standard-Konfliktlösungsstrategie von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Eine bessere Konfliktlösungsstrategie beginnt damit, sich vom Traum zu verabschieden, sich einig zu werden oder Recht zu haben. Das neue Fundament lautet: Ich sehe es so, du siehst es anders. Deine Sichtweise ist ebenso gültig wie meine – auch wenn es mir schwerfällt, sie nachzuvollziehen.

Darauf baut der zweite Schritt auf. Er verlangt von uns, anzuerkennen, was beim anderen ausgelöst wurde. Das Zaubermittel hierfür ist ein einfaches Eingeständnis: „Schatz, es tut mir leid, dass dich das verletzt hat. Das wollte ich nicht.“ Diese Sätze darf man getrost auswendig lernen. Sie fühlen sich im ersten Moment vielleicht mechanisch an, aber sie stimmen eigentlich immer: Natürlich tut es uns leid, wenn der Mensch, den wir lieben, verletzt wurde. Und natürlich war das nicht unsere Absicht.

Danach ist der Weg frei, um als Team nach einer Lösung zu suchen, die für beide funktioniert. So lässt sich der Konflikt nicht nur beenden, sondern auch als Anstoß für Veränderung nutzen.

Bei Nina und Fabian würde das so aussehen:

„Ich habe dir doch gesagt, dass es mir wichtig ist, dass du nicht noch mehr weg bist. Es ist mir einfach zu viel, so sehen wir uns ja fast gar nicht mehr“, sagt Nina sichtlich erschöpft.

Fabian atmet hörbar aus. Die Situation kostet ihn einiges an Überwindung. Er verzichtet jedoch darauf, seine Termine vorzurechnen, sondern sagt: „Wir nehmen das gerade komplett unterschiedlich wahr, Nina. Ich sehe es zwar ganz anders und es fällt mir ehrlich gesagt auch schwer, deine Sichtweise nachzuvollziehen. Aber wir müssen uns ja nicht einig werden, wie es wirklich war.“ Er schweigt für einen kurzen Moment, atmet noch einmal durch und fügt dann hinzu: „Schatz, es tut mir leid, dass dich das verletzt hat. Das wollte ich nicht.“

Nina stutzt kurz. Dadurch, dass Fabian ihre Sichtweise im Raum stehen lässt – obwohl er sie nicht versteht –, bricht der Rechtfertigungsdruck sofort weg. Sie atmet tief aus, die Aggression weicht aus ihrer Stimme und sie antwortet: „Danke. Ich sehe ja auch, dass du dir Zeit nimmst. Es fühlt sich für mich einfach nicht so an, als wäre es genug. Können wir zusammen die nächste Woche anschauen und herausfinden, wo wir uns Zeit füreinander einräumen können?“

Wenn wir uns vom standardmäßigen Versuch verabschieden, die Wahrheit zu beweisen, wählen wir eine bessere Strategie – eine, die einen Konflikt nicht nur beendet, sondern zu echter Verbundenheit führt.

An einem Samstagnachmittag vor fast 100 Jahren wurden in einem Labor der Harvard-Universität die Futterpellets für Ratten knapp. Weil der damalige Doktorand B. F. Skinner sie in mühsamer Arbeit selbst pressen musste, beschloss er, die Ratten nicht mehr jedes Mal, wenn sie den Hebel drückten, mit Futter zu belohnen, sondern nur noch einmal pro Minute. Zu Skinners großer Überraschung führte dies jedoch nicht dazu, dass die Ratten seltener drückten, sondern dass sie den Hebel viel häufiger betätigten. Das weckte sein Interesse und war der Anstoß für seine Forschung zum Thema intermittierende Verstärkung. Er fand heraus, dass eine Ratte, die in einem Käfig einen Hebel drückt und jedes Mal Futter bekommt, den Hebel nur betätigt, wenn sie Hunger hat. Wenn sie jedoch rein zufällig und unvorhersehbar mal Futter bekommt und mal nicht, passiert etwas Faszinierendes: Die Ratte wird süchtig. Sie drückt den Hebel obsessiv und hört selbst dann nicht auf, wenn tagelang gar kein Futter mehr kommt.

Dieses Prinzip lässt sich erstaunlich präzise auf den Menschen übertragen. Es wird beispielsweise bei Spielautomaten in Casinos genutzt. Menschen werden spielsüchtig, weil die Gewinnausschüttung unvorhersehbar ist.

Diese ungesunde Dynamik kommt auch in vielen Partnerschaften vor. Wenn ein Partner unberechenbar zwischen liebevoller Zuwendung und scheinbar grundlosem Rückzug schwankt, triggert das eine psychologische Suchtstruktur. Man sucht permanent nach Nähe, stets in der Hoffnung auf den nächsten emotionalen Kick. Da unser Gehirn emotionale Unerreichbarkeit als existenzielle Bedrohung interpretiert, bleibt der Fokus zu 100 Prozent auf dem Gegenüber fixiert. So transformiert das Heiß-Kalt-Spiel die Beziehung von einem Ort der Sicherheit in ein emotionales Casino. Die Tragik dabei: Eine gesunde, verlässliche Partnerschaft wird von Menschen in diesem Loop oft fälschlicherweise als „langweilig“ empfunden, weil der gewohnte Dopamin-Kick des Dramas fehlt.

Es gibt einige Artikel und Videos darüber, wie man mit einem Partner umgeht, der durch seine Unvorhersehbarkeit eine Beziehung in ein emotionales Casino verwandelt. Viel spannender und hilfreicher finde ich jedoch die Frage, wie man sicherstellt, dass man nicht selbst für sein Gegenüber unbewusst zu diesem unberechenbaren Spielautomaten wird.

Es gibt drei bewährte Strategien, mit denen du verhinderst, dich wie ein Spielautomat zu verhalten. Niemand wacht morgens auf und beschließt, der unberechenbare, toxische Part zu sein. Oft passiert das aus Überforderung. Du gibst so lange alles und spielst den perfekten Partner (Jackpot!), bis deine Batterien komplett leer sind – woraufhin du dich radikal zurückziehst. Deshalb lautet die erste Strategie: Grenzen setzen, bevor der Akku leer ist. Wenn du gesunde Grenzen setzt und diese rechtzeitig kommunizierst, weiß dein Partner immer, woran er ist. Selbst wenn du gerade weniger Energie hast, gerät er so nicht in die emotionale Warteschleife der süchtigen Ratte.

Der Skinner-Effekt lebt von der Unvorhersehbarkeit. Die Ratte weiß nicht, wann das Futter kommt. Deinem Gegenüber geht es ähnlich, wenn er oder sie nicht weiß, warum du plötzlich abgetaucht bist. Deshalb lautet die zweite Strategie, den Rückzug zu verbalisieren und zu sagen, weshalb du emotional gerade nicht verfügbar bist: „Ich liebe dich und zwischen uns ist alles gut. Aber ich bin von der Arbeit so erschöpft, dass ich heute Abend zwei Stunden für mich im Zimmer brauche, um runterzukommen.“

Die dritte Strategie besteht darin, Konstanz über Intensität zu stellen. Das Casino lebt von den Extremen: Auf eine lange Durststrecke folgt die absolute Liebesexplosion, der Jackpot. Gesund für eine Beziehung sind hingegen regelmäßige, unspektakuläre, aber vorhersehbare Alltagsmomente. Ein verlässliches, tägliches „Wie war dein Tag?“ ist für das Nervensystem deines Gegenübers nahrhafter als ein emotionales Feuerwerk nach zwei Wochen Schweigen.

Liebe sollte kein Glücksspiel sein, bei dem man hofft, dass der Spielautomat heute einen Gewinn ausspuckt. Das mag sich zwar wie die große Leidenschaft anfühlen, ist aber oft nur der ständigen Angst geschuldet, den anderen zu verlieren. Das ist kein gutes Fundament für Wachstum und Sicherheit. Es lohnt sich, seinen eigenen Teil zu einer gesunden Dynamik beizutragen. Denn eine gesunde Beziehung ist kein Jackpot, den man gewinnen muss – sondern ein sicherer Hafen, den man gemeinsam baut.

Kennst du das Gefühl, bei Gesprächen in deiner Beziehung nur noch Passagier zu sein? Du sagst Dinge, die du gar nicht sagen willst – und das in einem Tonfall, den du eigentlich gar nicht benutzen möchtest.

Mit etwas Abstand merkst du dann, dass du viel aggressiver oder zurückgezogener geklungen hast, als dir lieb ist. Je wichtiger dir ein Thema ist, desto größer ist die Gefahr, dass der Autopilot das Steuer übernimmt. In Beziehungen entsteht genau dadurch oft großer Schaden.

Dem Psychiater Viktor Frankl wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Antwort. In unserer Antwort liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ Wenn dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion schrumpft oder völlig wegfällt, werden wir zu hilflosen Passagieren. Wir haben keinen Zutritt zum Cockpit und sind den Turbulenzen unserer Emotionen machtlos ausgeliefert. Die Folge: Wir verhalten uns so, dass wir unsere Partnerschaft beschädigen, statt sie aufzubauen.

Die Neurowissenschaft liefert heute eine plausible Erklärung für dieses Phänomen: In emotionalen Stresssituationen fährt unser präfrontaler Kortex – zuständig für vorausschauendes und empathisches Handeln – herunter. Das limbische System, insbesondere die Amygdala, übernimmt das Kommando. Dieses System agiert zwar blitzschnell, ist aber nicht zu den differenzierten Reaktionen fähig, die eine moderne Partnerschaft erfordert. Es kennt nur Angriff, Flucht oder Erstarrung. Ohne den moderierenden, beruhigenden Einfluss des präfrontalen Kortex verlieren wir die schützende Pause zwischen Gefühl und Handlung. Man spricht in diesem Zusammenhang treffenderweise auch von „Amygdala-Hijacking“ – unser Gehirn wurde quasi gekapert.

Glücklicherweise gibt es Strategien, um dem entgegenzuwirken. Obwohl wir alle solche Situationen aus eigener Erfahrung kennen, sind diese Strategien erstaunlich wenig bekannt. Sie alle basieren darauf, die Kommunikation zu entschleunigen, um dem präfrontalen Kortex Zeit zu geben, sich wieder einzuklinken. John Gottman empfiehlt beispielsweise eine 20-minütige Gesprächspause, sobald wir zum Passagier zu werden drohen – was nach seinen Forschungen ab einem Puls von über 100 Schlägen pro Minute der Fall ist. Das wesentliche Zwiegespräch nach Michael Lukas Moeller nimmt ebenfalls den zeitlichen Druck heraus, da beide Partner mehr als genug Redezeit erhalten, ohne dass das Gegenüber sofort reagiert.

Besonders vielversprechend ist der schriftliche Dialog. Hierbei nutzt das Paar ein gemeinsames Notizbuch: Eine Person schreibt ihre Gedanken auf und reicht das Buch weiter. Der Partner liest, antwortet handschriftlich und gibt es wieder zurück. Das Thema kann die Partnerschaft selbst sein, muss es aber nicht. Man kann völlig frei starten oder mit einer Einstiegsfrage wie „Was beschäftigt dich gerade?“ oder „Was genießt du an unserer Partnerschaft und was wünschst du dir noch mehr?“.

Diese Methode vereint zwei Vorteile: Erstens wirkt sie entschleunigend, da handschriftliches Schreiben viel langsamer ist als Sprechen. Dadurch entstehen natürliche Denk- und Wartezeiten. Zweitens können wir gar nicht anders, als beim Schreiben den präfrontalen Kortex zu nutzen. Das präzise Ausformulieren und Aufschreiben zwingen den rationalen Teil unseres Gehirns dazu, wieder aktiv am Prozess teilzunehmen.

Den schriftlichen Dialog als Paarübung an einem ruhigen Abend auszuprobieren, lohnt sich auf jeden Fall. Er hilft, genau jenen Raum zwischen Reiz und Reaktion präventiv zu vergrößern, der im Alltagstrubel oft verloren geht. So lösen wir ein Problem, das uns alle betrifft, nämlich das Aussprechen von Worten, die wir im Nachhinein als destruktiv erkennen. Indem wir das Schreiben in entspannten Momenten kultivieren, steigen wir aus der Rolle des ohnmächtigen Passagiers aus. Wir gewinnen die Kontrolle über unsere Worte zurück und gestalten unsere Partnerschaft wieder aktiv und aufbauend.

Carolin und Lukas sitzen schweigend am Küchentisch. Eben haben sie über die Ausrichtung ihres Lebens gestritten und darüber, dass sie es sich beide eigentlich anders vorgestellt hätten. Nun herrscht wieder Stille. Es ist kein eisiges Schweigen, sondern ein ratloses. Ein Schweigen, in dem all ihre grundsätzlichen Fragen und Zweifel an ihrer Ehe mitschwingen. Passen wir überhaupt zusammen? Hat Gott uns damals wirklich zusammengeführt, oder war das nur Wunschdenken? War alles ein Fehler? Jeder neue Konflikt dient ihnen als Beleg dafür, dass sie schlicht nicht kompatibel sind.

Zwei Straßen weiter sitzen Nina und Fabian. Wie Carolin und Lukas sind sie um die vierzig und kämpfen darum, einander im turbulenten Alltag und zwischen all den unerfüllten Träumen und Wünschen nicht zu verlieren. Doch anders als das erste Paar verstehen sie die Schwierigkeiten in ihrer Paarsexualität, ihre Wohnsituation und die unbefriedigende Aufteilung ihrer Verantwortlichkeiten nicht als Indiz dafür, den falschen Partner zu haben. Für sie sind es Herausforderungen, an denen sie wachsen und für die sie Lösungen finden müssen. Sie fragen nicht: „Passen wir?“, sondern: „Was tun wir heute, damit es uns morgen besser geht?“

Es gibt Menschen wie Carolin und Lukas, die glauben, zwei Menschen seien entweder füreinander bestimmt – oder eben nicht. Diese Überzeugung wird als Schicksalsglaube bezeichnet. Demgegenüber steht der Wachstumsglaube von Menschen wie Nina und Fabian. Sie sind der Meinung, dass sich Beziehungen entwickeln und mit der Zeit wachsen können, wenn man sie pflegt und aktiv nach Lösungen sucht.

Die Beziehungszufriedenheitskurve beschreibt im Verlauf der Zeit oft eine U-Form. Viele Paare starten mit einer hohen Beziehungszufriedenheit. Dann sinkt die Kurve ab und erreicht um das 40. Lebensjahr ihren Tiefpunkt, bevor sie dann wieder ansteigt bis zum Erreichen des Pensionsalters. Genau hier liegt die Gefahr des Schicksalsglaubens: Wer überzeugt ist, dass eine glückliche Ehe eine Frage der Fügung ist, interpretiert dieses völlig normale „Tal der Tränen“ als Beweis für das Scheitern. Für Carolin und Lukas fühlt sich die Unzufriedenheit nicht wie eine vorübergehende Phase an, sondern wie die späte Erkenntnis, dass sie einfach nicht füreinander bestimmt sind. Der Schicksalsglaube macht aus einer anstrengenden Lebensphase ein unlösbares Identitätsproblem.

Wer hingegen an Wachstum glaubt, sieht in der U-Kurve keinen Grund zur Resignation, sondern eine Herausforderung zur Gestaltung. Das bestätigt auch die Wissenschaft: Ein Forschungsteam der Universität Basel befragte über 900 Paare, die im Schnitt fünf Jahre zusammen waren – also genau in jener Phase, in der die Kurve bei den meisten Paaren nach unten zeigt. Sie haben dabei herausgefunden, dass bei Paaren mit Wachstumsglaube die Zufriedenheit deutlich langsamer abgenommen hat als bei Paaren mit Schicksalsglaube.

In meiner früheren Arbeit mit ambitionierten Nachwuchssportlern nutzten wir oft den Satz: „Hard work beats talent if talent doesn’t work hard.“ So abgedroschen das klingen mag, so wahr ist es: Selbst Ausnahmetalente wie Roger Federer, Usain Bolt oder Simone Biles hätten ohne Training nicht einmal zu den besten 10 000 ihrer Sportart gehört.

Natürlich gibt es Paare mit denkbar schwierigen Voraussetzungen. Dennoch bin ich überzeugt: Die Einstellung zur Beziehung und ein regelmäßiges Beziehungstraining sind oft entscheidender als die reine Kompatibilität. Erfolg in der Liebe ist kein glücklicher Zufall, sondern auch das Ergebnis einer bewussten Entscheidung zur Gestaltung.

Es lohnt sich, die eigene Partnerschaft in diesem Licht zu betrachten. Statt mit Carolin und Lukas zu bilanzieren, dass man einfach nicht zusammenpasst, hilft die Haltung von Nina und Fabian: Wir stecken in Schwierigkeiten, für die wir eine Strategie brauchen.

Das klingt nicht besonders romantisch? Vielleicht. Im Sport würde man von einem Arbeitssieg sprechen. Und der gibt ja bekanntlich auch drei Punkte.

Daniela atmet tief durch. Ein vertrautes Gefühl von Erleichterung mischt sich mit Erschöpfung: Sie konnte verhindern, dass Tobias wieder betrunken Auto fährt. Unter diesen Umständen, so redet sie sich ein, war es die einzig richtige Entscheidung, ihm die zweite Flasche Whisky aus dem Tankstellenshop zu holen. Womöglich wäre sonst jemand zu Schaden gekommen. Oder er hätte seinen Führerschein wieder verloren – und damit dieses Mal wohl auch seinen Job. Daniela hat das Desaster abgewendet. Wieder einmal.

Herr Schmidt, Danielas Therapeut, sieht das anders. Auch wenn es nicht der eigentliche Grund für Danielas Therapie ist, ist das Thema Co-Abhängigkeit ein ständiger Begleiter ihrer Sitzungen, so auch heute. Nach dem Termin fährt Herr Schmidt schnell nach Hause. Als er die Wohnungstür aufschließt, sieht er auf den ersten Blick, dass seine Frau einen schlechten Tag hatte. Sofort spürt er diesen vertrauten, dumpfen Druck in der Brust. Ihre schlechte Laune wird binnen Sekunden zu seiner eigenen Traurigkeit. Er muss etwas tun. Er erträgt es nicht, sie so leiden zu sehen. „Du glaubst nicht, was mir Denise heute geschrieben hat“, klagt sie, während sie frustriert auf ihrem Smartphone herumtippt. „Und jetzt lässt sich das verdammte Ding nicht mal öffnen! Kannst du mir das nicht endlich mal richtig einstellen?“ Selbstverständlich kann er das. Herr Schmidt übernimmt sofort. Wie immer löst er in wenigen Minuten, wofür sie mindestens fünfmal so lange gebraucht hätte.

Zwei Paare, eine Dynamik. Wo Daniela die Sucht füttert, füttert Herr Schmidt die Unselbstständigkeit. Doch die Wurzel ist dieselbe: Die Unfähigkeit, sich vom Gefühlszustand des Gegenübers abzugrenzen, gepaart mit dem starken Wunsch zu helfen.  Aber nicht so, dass die andere Person sich zukünftig selbst helfen kann, sondern so, dass man selbst weiterhin gebraucht wird. Frei nach dem Motto: Ich helfe dir, nicht weil du mich brauchst, sondern damit du mich brauchst.

Co-Abhängigkeit ist ein Verhaltensmuster, bei dem ein Mensch seine Identität und seinen Selbstwert zu einem großen Teil über die Hilfe, Kontrolle oder emotionale Regulierung eines anderen definiert. Der Begriff ist umstritten – und das aus gutem Grund. Er kann dazu führen, dass wir das Bedürfnis, einem geliebten Menschen beizustehen, vorschnell als krankhaft abstempeln. Dabei ist Hilfsbereitschaft eine Stärke.

Wenn wir vage mit dem Begriff Co-Abhängigkeit um uns werfen, stecken wir Danielas extreme Aufopferung, Herrn Schmidts Alltags-Rettung und jene co-abhängigen Anteile und Verhaltensmuster, die wir alle in uns tragen, in die gleiche Schublade. Statt uns selbst oder andere mit diesem Etikett abzustempeln, sollten wir uns lieber fragen: Wie finden wir immer wieder zurück zu einer Hilfe, die nachhaltig stärkt, statt uns nur gegenseitig zu verstricken?

Es geht darum, gar nicht erst in die Einseitigkeit der Co-Abhängigkeit zu rutschen, sondern sich immer wieder neu für eine gesunde, wechselseitige Unterstützung zu entscheiden. Das gelingt, wenn der Antrieb nicht die Angst vor Disharmonie oder das Bedürfnis, gebraucht zu werden, ist, sondern Liebe.

Gemeinsam mit Daniela dürfen wir eine ehrliche Bestandsaufnahme machen und uns fragen, welche Rolle wir in unserer Partnerschaft spielen. Sind wir in gewissen Bereichen die Retter, die den Partner unbewusst kleinhalten?

Und Herr Schmidt – und wir alle mit ihm – täten gut daran, vor dem Helfen kurz innezuhalten und uns zu fragen, ob unsere Unterstützung wirklich langfristig stärkt, oder ob wir nicht eher helfen, um Disharmonie zu vermeiden oder eine gefühlte Katastrophe abzuwenden.

Wahre Intimität entsteht nicht durch Verschmelzung, sondern durch zwei in ihrer Identität gefestigte Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen – und sich aus Liebe dazu entscheiden, einander gegenseitig zu unterstützen.

Stell dir vor, du erhältst 10 Dollar. Du kannst das Geld entweder behalten oder einen Teil davon (oder auch alles) einer wildfremden Person geben, die du weder siehst noch kennst. Der Clou: Jeder Dollar, den du weitergibst, wird verdreifacht. Der Empfänger kann dann entscheiden, ob er dir etwas zurückgibt oder alles für sich behält. Würdest du das Risiko eingehen?

Der Neurowissenschaftler Paul Zak fand in diesem als „Trust Game“ bekannten Experiment heraus, dass ein kleiner Sprühstoß Oxytocin in die Nase das Verhalten der Teilnehmenden radikal verändert. Ohne das Hormon gaben nur 21 Prozent die vollen 10 Dollar weiter. Doch unter dem Einfluss von Oxytocin verdoppelte sich der Anteil der Personen, die maximal vertrauten, schlagartig auf 45 Prozent. Diese biochemische Vertrauensbasis wirkt nicht nur zwischen Fremden, sie ist auch der Klebstoff, der unsere engsten Bindungen im Privaten zusammenhält.

Andere Untersuchungen belegen, dass Oxytocin die konstruktive Kommunikation in Konflikten fördert und die wahrgenommene Attraktivität des eigenen Partners steigert, während andere Personen nicht attraktiver bewertet werden. Eine Studie zeigte sogar, dass Männer in festen Beziehungen unter Oxytocin-Einfluss eine größere physische Distanz zu einer attraktiven Fremden wahrten als die Placebo-Kontrollgruppe.

Oxytocin ist ein körpereigenes Hormon, das als „Bindungshormon“ eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Vertrauen, Treue, Empathie und zwischenmenschlicher Nähe spielt. Bei sozialen oder physischen Reizen wie Berührung oder Blickkontakt wird es direkt im Gehirn freigesetzt und gelangt von dort aus in den Blutkreislauf.

Frauen weisen Studien zufolge dreimal höhere Oxytocin-Konzentrationen auf als Männer, wobei die Wirkung durch das Zusammenspiel mit Östrogen zusätzlich intensiviert wird. Da das weibliche Nervensystem dadurch stärker auf Oxytocin-Reize reagiert, ist das Hormon für Frauen noch wichtiger als für Männer.

Was im Labor mit Nasensprays simuliert wird, funktioniert auch im Alltag. Gelingt es einem Paar, durch Berührung und Blickkontakt die Oxytocin-Ausschüttung gezielt zu aktivieren, profitiert es unmittelbar von tieferem Vertrauen und einer stärkeren Bindung.

Da Oxytocin eine relativ kurze Halbwertszeit hat, ist es für die Paardynamik weniger ein dauerhafter Zustand als vielmehr ein flüchtiger Gast. Das Nervensystem braucht regelmäßige Erinnerungen, um die Bindungschemie stabil zu halten. Einmaliges Kuscheln pro Woche reicht biologisch schlicht nicht aus, um den Oxytocin-Spiegel auf einem Niveau zu halten, das einen positiven Einfluss auf die Beziehung hat.

Deshalb empfiehlt sich ein tägliches Oxytocin-Ritual, bei dem Blickkontakt und Berührung kombiniert werden. Der Harvard-Professor Arthur Brooks schlägt beispielsweise vor, sich vor dem Schlafengehen fünf bis zehn Minuten lang intensiv in die Augen zu schauen und dabei die Hände zu halten. Da sich diese Zeitspanne anfangs sehr lang anfühlen kann, darf man ruhig auch mit zwei Minuten starten und sich langsam steigern. Mit diesem effizienten Ritual verwandeln wir flüchtige biochemische Signale in beständiges Vertrauen und geben der Liebe den biologischen Rückenwind, den sie verdient.