„Ich habe dir doch gesagt, dass es mir wichtig ist, dass du in dieser stressigen Zeit nicht noch mehr weg bist. Und jetzt gehst du ausgerechnet heute noch Basketball spielen! Es ist mir einfach zu viel, so sehen wir uns ja fast gar nicht mehr“, sagt Nina.
„Aber genau das habe ich doch gemacht. Ich bin gar nicht viel weg“, erwidert Fabian.
Jetzt kommt sie in Fahrt: „Und was ist mit der Mitgliederversammlung am Freitag? Und dem Bierchen mit Christian? Und gestern, an unserem einzigen freien Abend in dieser Woche, bist du auch später von der Arbeit nach Hause gekommen!“
„Ich habe Christian extra abgesagt, beim Umzug zu helfen, damit wir mehr Zeit zusammen haben!“, verteidigt er sich aufgebracht.
„Nein, damit du dir am Abend das Spiel anschauen kannst“, kontert sie.
So geht es noch eine Weile weiter, bis die Situation schließlich eskaliert und sich Nina schweigend ins Bett zurückzieht – wütend und unverstanden.
Fabian und Nina haben genau eine Konfliktlösungsstrategie: Sie versuchen sich darüber einig zu werden, wie der Sachverhalt tatsächlich war, um am Ende festzustellen, wer die Schuld trägt. Die meisten Paare kennen und nutzen diese Methode, die Faktenschlacht. Und das, obwohl die Datenlage eindeutig ist: Dieser Ansatz hat sich nicht bewährt und ist selten von Erfolg gekrönt. Trotzdem bleibt er der Standard in unseren Wohnzimmern.
Machen wir uns nichts vor: Man wird sich nie einig darüber werden, was „nicht noch mehr weg sein“ wirklich bedeutet. Genauso wenig wie darüber, was unter „unnötige Ausgaben vermeiden“, „zu selten Sex haben“ oder „mich mit mehr Respekt behandeln“ zu verstehen ist. Wir streiten in einer Beziehung über Dinge, die nicht objektiv feststellbar sind, sondern einen relationalen Aspekt haben – sie existieren nur in der Dynamik zwischen uns. Genau deshalb können sich Paare hier oft gar nicht einig werden. Und genau deshalb ist die Standard-Konfliktlösungsstrategie von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Eine bessere Konfliktlösungsstrategie beginnt damit, sich vom Traum zu verabschieden, sich einig zu werden oder Recht zu haben. Das neue Fundament lautet: Ich sehe es so, du siehst es anders. Deine Sichtweise ist ebenso gültig wie meine – auch wenn es mir schwerfällt, sie nachzuvollziehen.
Darauf baut der zweite Schritt auf. Er verlangt von uns, anzuerkennen, was beim anderen ausgelöst wurde. Das Zaubermittel hierfür ist ein einfaches Eingeständnis: „Schatz, es tut mir leid, dass dich das verletzt hat. Das wollte ich nicht.“ Diese Sätze darf man getrost auswendig lernen. Sie fühlen sich im ersten Moment vielleicht mechanisch an, aber sie stimmen eigentlich immer: Natürlich tut es uns leid, wenn der Mensch, den wir lieben, verletzt wurde. Und natürlich war das nicht unsere Absicht.
Danach ist der Weg frei, um als Team nach einer Lösung zu suchen, die für beide funktioniert. So lässt sich der Konflikt nicht nur beenden, sondern auch als Anstoß für Veränderung nutzen.
Bei Nina und Fabian würde das so aussehen:
„Ich habe dir doch gesagt, dass es mir wichtig ist, dass du nicht noch mehr weg bist. Es ist mir einfach zu viel, so sehen wir uns ja fast gar nicht mehr“, sagt Nina sichtlich erschöpft.
Fabian atmet hörbar aus. Die Situation kostet ihn einiges an Überwindung. Er verzichtet jedoch darauf, seine Termine vorzurechnen, sondern sagt: „Wir nehmen das gerade komplett unterschiedlich wahr, Nina. Ich sehe es zwar ganz anders und es fällt mir ehrlich gesagt auch schwer, deine Sichtweise nachzuvollziehen. Aber wir müssen uns ja nicht einig werden, wie es wirklich war.“ Er schweigt für einen kurzen Moment, atmet noch einmal durch und fügt dann hinzu: „Schatz, es tut mir leid, dass dich das verletzt hat. Das wollte ich nicht.“
Nina stutzt kurz. Dadurch, dass Fabian ihre Sichtweise im Raum stehen lässt – obwohl er sie nicht versteht –, bricht der Rechtfertigungsdruck sofort weg. Sie atmet tief aus, die Aggression weicht aus ihrer Stimme und sie antwortet: „Danke. Ich sehe ja auch, dass du dir Zeit nimmst. Es fühlt sich für mich einfach nicht so an, als wäre es genug. Können wir zusammen die nächste Woche anschauen und herausfinden, wo wir uns Zeit füreinander einräumen können?“
Wenn wir uns vom standardmäßigen Versuch verabschieden, die Wahrheit zu beweisen, wählen wir eine bessere Strategie – eine, die einen Konflikt nicht nur beendet, sondern zu echter Verbundenheit führt.