FAMILYLIFE
Engagieren

Er beschleunigt und fährt zügig in den Kreisverkehr ein, direkt in eine Lücke zwischen zwei Fahrzeugen. Sie klammert sich an den Haltegriff über der Tür, atmet hörbar ein und sagt: „Du fährst viel zu gefährlich!“ Er verdreht genervt die Augen, der Kiefer spannt sich an: „Ich fahre völlig normal im Verkehrsfluss mit. Du bist einfach permanent nervös und überempfindlich!“

Und schon geht’s wieder los. Schnell beginnen beide, fieberhaft Beweise für ihre jeweiligen „Fakten“ zu sammeln. Sie argumentiert: „Nein, du bist verantwortungslos! Du klebst den Leuten ständig an der Stoßstange!“ Er hält dagegen: „Quatsch, der Abstand war riesig. Du hast einfach Panik, sobald wir nicht mindestens 20 Meter Sicherheitsabstand haben!“

Viele Paare führen einen lebenslangen Kampf darüber, wessen Wahrnehmung die richtige ist. Wir ziehen Zeugen heran, pochen auf Logik und versuchen mit allen Mitteln zu beweisen, dass die Datenlage eindeutig auf unserer Seite ist. Bei den einen geht es dabei um den Fahrstil, bei anderen sind es die Essgewohnheiten, die Ausgabefreudigkeit oder die Häufigkeit von Sex.

Es mag absurd klingen, aber die Suche nach objektiven Fakten ist der Tod jeder partnerschaftlichen Konfliktlösung. Selbst wenn in unserem Beispiel ein Verkehrsrichter mit Maßband und Radarpistole auf der Rückbank säße und ihr bestätigen würde: „Ja, der Abstand war nach Straßenverkehrsgesetz objektiv zu gering“ – der Streit wäre damit nicht gelöst. Im Gegenteil.

Es gibt Paare, die dieses ständige Geplänkel brauchen. Es ist ihr Weg, sich zu versichern, dass das Gegenüber noch da ist, dass man dem anderen noch wichtig ist und eine Reaktion auslöst. Diese Paare sollen von mir aus ihr Fakten-Ping-Pong bis ans Lebensende beibehalten.

Wer jedoch echte Veränderung sucht, muss sich zwei Reflexe abtrainieren: die Faktenschlacht und die Opferrolle. Die Faktenschlacht ist der Automatismus, immer wieder über die objektive Realität zu diskutieren: „Das habe ich nie gesagt!“ – „Doch, hast du!“ Die Opferrolle hingegen ist der innere Monolog, der uns als Märtyrer inszeniert, sobald unser Gegenüber etwas anders wahrnimmt als wir: „Nach diesem anstrengenden Tag muss ich mich auch noch mit so einem Sturkopf herumschlagen – das habe ich einfach nicht verdient.“ Beide Reflexe blockieren die Lösung, weil sie uns im Kreisen um unsere eigene Perspektive gefangen halten und uns darauf warten lassen, dass der andere sich ändert, damit es uns besser geht.

Wenn es um unsere Beziehung geht, führt die Frage „Wer hat recht?“ auf den Holzweg. Objektivität spielt in Liebesbeziehungen eine viel kleinere Rolle, als wir denken. Wenn es uns gelingt, unser Ego für einen Moment vor die Tür zu stellen, können wir die Fragestellung ändern. Statt „Wer hat recht?“, lautet die Frage nun: „Wie gehen wir als Team gemeinsam mit dem um, was bei einem von uns Stress oder Angst auslöst?“

Wir dürfen lernen, die (aus unserer Sicht völlig falsche) Wahrnehmung des Partners mit mitfühlender Neugier zu betrachten. Fast so, als würde er uns von einem Konflikt mit einer Arbeitskollegin erzählen: Mit einer gewissen emotionalen Distanz, als wären wir selbst nicht beteiligt, aber voller Empathie für sein subjektives Erleben.

Wie sieht das konkret aus, wenn beide die Faktenschlacht verlassen und stattdessen auf die Beziehungsebene wechseln? Sie verzichtet auf ihre Fakten („Du fährst viel zu gefährlich!“) und spricht nur davon, wie sich das auf sie auswirkt: „Schatz, wenn du so in den Kreisverkehr fährst, bekomme ich Angst. Kannst du mir zuliebe bitte etwas ruhiger fahren?“ Damit geht es sofort um ihre Beziehung statt um die Fakten. Er wiederum muss seine Fahrkünste nicht verteidigen, sondern stellt sein Ego zurück und zeigt Empathie: „Okay. Ich vergesse manchmal, wie sich das für dich auf dem Beifahrersitz anfühlt. Tut mir leid, ich fahre vorsichtiger.“

Ein Streit, mit dem Potenzial, den ganzen Tag zu ruinieren, ist so in Sekunden gelöst. Denn am Ende geht es nicht um den objektiv besten Fahrstil, sondern um die Entscheidung: Wollen wir recht haben oder wollen wir zusammen eine glückliche Beziehung führen?

Next Level für deine Beziehung
Versuche bei eurer nächsten Meinungsverschiedenheit die Faktenschlacht zu verlassen und auf die Beziehungsebene zu wechseln.

Ähnliche Artikel