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Wenn meine Frau und ich ein Referat zum Thema Sex halten, machen wir anschließend oft noch eine anonyme Q&A-Runde. Fast ausnahmslos wird dabei die Frage nach dem Umgang mit unterschiedlichem sexuellem Verlangen gestellt, wenn also eine Person in der Partnerschaft deutlich häufiger Sex möchte als die andere. Es ist eine Frage, die ganz offensichtlich sehr viele Paare umtreibt.

Solche Paare kämpfen mit einem Kreislauf, der sich oft wiederholt: Der Partner mit dem stärkeren Verlangen initiiert immer wieder Sex, das Gegenüber mit dem geringeren Verlangen lässt sich manchmal darauf ein und lehnt manchmal ab. Der initiierende Partner fühlt sich dadurch oft zurückgewiesen, während der andere sich unter Druck gesetzt fühlt. Das mündet dann oft in frustrierenden Konflikten.

Zwar kommt es immer wieder vor, dass sich diese Dynamik nach vielen Jahren verändert oder sogar komplett umkehrt, aber es wäre der falsche Ansatz, darauf zu hoffen, diese Diskrepanz kurz- oder mittelfristig auflösen zu können. Der erste Schritt für solche Paare besteht vielmehr darin, anzuerkennen, dass dieses Problem nicht „gelöst“ werden kann, sondern sie als Paar begleiten wird. Es gilt, diese Unterschiedlichkeit zu verstehen, zu akzeptieren und gemeinsam daran zu arbeiten, einen guten Umgang damit zu finden.

Der Schlüssel dazu ist Kommunikation. Ich empfehle Paaren dafür drei Gespräche. Jedes dieser Gespräche kann nur wenige Minuten dauern oder auch als fortlaufender Dialog über mehrere Wochen geführt werden.

Im ersten Gespräch geht es darum, zu entdecken, worum es bei diesem wiederkehrenden Konflikt eigentlich wirklich geht. Paare können sich beispielsweise gegenseitig fragen: „Was geht in dir vor, wenn ich Sex initiiere und du eigentlich keine Lust hast?“ oder „Was genau fehlt dir auf emotionaler Ebene, wenn wir länger keinen Sex haben?“ Durch solche Leitfragen wird oft schnell klar, dass sich hinter der Diskussion über Sexhäufigkeit meist tiefere Themen verbergen. Der Partner mit dem stärkeren Verlangen stellt dann oft fest, dass es ihm bei der sexuellen Verbindung eigentlich darum geht, sich begehrt, verbunden oder geliebt zu fühlen. Der Partner mit dem geringeren Verlangen entdeckt bei sich vielleicht die tieferliegenden Bedürfnisse, sich gut genug, akzeptiert oder wertgeschätzt zu fühlen. Oder auch einfach das Bedürfnis nach Autonomie, Sicherheit und dem Freiraum, völlig ohne Druck und Erwartungshaltung entspannen zu dürfen.

Das zweite Gespräch dreht sich dann um spontanes und reaktives Begehren. Spontanes Begehren bedeutet, dass man aus dem Nichts schnell Lust auf Sex hat. Reaktives Begehren hingegen bedeutet, dass man zwar nicht an Sex gedacht hätte, aber man offen dafür ist und langsam Lust entsteht, wenn man sich körperlich näherkommt. Ein Teil des unterschiedlichen Verlangens hat oft auch damit zu tun, dass die eine Person stärker von spontanem Begehren und die andere von reaktivem Begehren geleitet wird. Diese individuellen Unterschiede zu kennen, ist ein wichtiger Schritt zu einem guten Umgang mit unterschiedlichem Verlangen.

Im dritten Gespräch geht es schließlich darum, herauszufinden, was für beide Partner Förderer und Hemmer der Lust sind. Was fördert die Lust auf Sex und was hemmt sie? Vielen Paaren fällt es leichter, über die Lustförderer zu sprechen. Doch es macht wenig Sinn, mehr Gas zu geben, wenn gleichzeitig auch das Bremspedal gedrückt ist. Deshalb ist es hilfreich, sich zuerst den Lusthemmern wie zu viel Alltagsstress, Ängste und Sorgen, ungelöste Konflikte oder das unaufgeräumte Zimmer zu widmen. Erst wenn diese aus dem Weg geräumt sind, ist es sinnvoll, über Lustförderer für beide zu sprechen.

Diese drei Gespräche werden das unterschiedliche Verlangen zweier Menschen nicht plötzlich auf aneinander angleichen. Sie helfen Paaren jedoch dabei, ihre gegensätzlichen Bedürfnisse besser zu verstehen, sie anders zu deuten und als Team zusammenzuarbeiten, um bessere Bedingungen für ihr Sexleben zu schaffen.

Next Level für deine Beziehung
Verabrede dich mit deinem Gegenüber gezielt für diese drei Gespräche. Das wird euch helfen, eure Unterschiedlichkeit besser zu verstehen und als Paar entspannter damit umzugehen.

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