Wie oft hattest du schon eine Wäscheklammer* in der Hand? Wenn du – wie ich – für die Wäsche zuständig bist, dann bestimmt so oft, dass du es nicht mehr zählen kannst. Die wenigsten Menschen machen sich viele Gedanken über Wäscheklammern. Man hat sie, braucht sie und irgendwann gehen sie kaputt. Dabei verdienen sie viel mehr Beachtung, denn sie sind ein wunderbares Bild fürs Elternsein. Warum das so ist? Weil eine Wäscheklammer zwei wichtige Aufgaben hat. Und gleichzeitig mit dem nötigen Feingefühl behandelt werden sollte. Die Wäscheklammer gibt festen Halt – und sie lässt im richtigen Moment wieder los. Und: Wenn man ihre Metallfedern jedoch ständig überdehnt, bricht sie irgendwann und die Holz- oder Plastikteile springen heraus. Genau das ist ein wunderbares Bild für unser Elternsein und das, was Kinder brauchen, um sich gut zu entwickeln. Es ist ein stetiges Wechselspiel aus Festhalten und Loslassen. Für das Familiensystem ist es entscheidend, dass wir als Eltern nicht nur festhalten und uns damit überfordern. Denn damit fügen wir nicht nur uns, sondern auch den Kindern Schaden zu.
Letzte Woche hat bei uns die Schule wieder angefangen. Nach drei Wochen Dolce Vita hat mein Mann unsere Jüngste wieder um 6 Uhr geweckt. Die beiden folgenden Tage war ich an der Reihe. Am Donnerstag und Freitag haben wir kurz nach sechs einen Blick ins Zimmer geworfen, um zu überprüfen, ob sie wach war. Ab heute ist sie wieder selbst dafür verantwortlich, dass sie rechtzeitig aufsteht, das erledigt, was am Morgen getan werden muss, und pünktlich im Schulzimmer ankommt. Wir leisten Starthilfe, halten fest und vermitteln damit Nähe und Sicherheit. Dann übergeben wir ihr die Verantwortung, lassen los und vertrauen. Sie kann das selbst – sie ist im letzten Schuljahr und damit alt genug, um diesen Teil ihres Lebens eigenständig zu handhaben. Je länger das Quartal dauert, desto schwerer fällt es ihr in der Regel, aus dem Bett zu kommen und pünktlich in der Schule zu sein. Spätestens dann ist diese kurze Zeit des Tages für uns Eltern kein Vergnügen mehr – für sie natürlich auch nicht. Klammern und Festhalten ist trotzdem keine Option. In der Summe aller Alltagsmomente würde das Festhalten in dieser Situation die Metallfedern meiner ganz persönlichen, inneren Wäscheklammer irgendwann überdehnen.
In kleinen Situationen hilft mir das Wäscheklammer-Bild, zu entscheiden, ob ich festhalten und Halt geben oder loslassen und vertrauen soll. Noch hilfreicher ist es jedoch, wenn wir uns als Eltern über längere Zeit daran orientieren. Wenn wir das Gefühl haben, einen Spagat machen zu müssen, um allen Erwartungen zu genügen. Wenn wir wieder einmal gescheitert sind oder wenn Schuldgefühle unser Denken und Handeln bestimmen. Dann sind diese drei Sätze ein Anker:
In welcher aktuellen Situation kann dir das Bild der Wäscheklammer helfen?
Wenn du einen längeren Zeitraum betrachtest: Was ist deine Stärke; Halt geben oder loslassen? In welcher konkreten Situation kannst du die andere Aufgabe üben?
Wenn du merkst, dass du deine Klammer überdehnst? Wie kannst du Gegensteuer geben?
*Danke für das Bild der Wäscheklammer, Sarah Merz.