Ich bin ein Großstadtkind. Aufgewachsen im sogenannten Ruhrpott, 700.000 Einwohner, Industrie, Kohleabbau, flach wie Holland. Mit Natur kam ich vor allem im familieneigenen Schrebergarten in Berührung. Umso mehr begeistert mich jede neue Naturentdeckung! Meine jüngste Errungenschaft ist der Schwalbenschwanz, laut Internet “unser schönster einheimischer Schmetterling”. Eine Kollegin von mir züchtet diese von vielen Fressfeinden bedrohte Gattung (Überlebenschancen 2:100) und suchte ein Ferienplätzchen für ihr “Raupenhotel”. Ich sagte zu. Ein Projekt, das mich einiges über Kinder und unerschütterliche Hoffnung lehrte!
Ich bin begeisterte Mutter und Großmutter. Als mir vor acht Jahren meine erste Enkelin in die Arme gelegt wurde, war ich überwältigt. So ein kleines, perfektes Wesen, mit einem Genpool von Mama und Papa und Großeltern! Überwältigend das Bewusstsein, dass ich nun in die nächste Generationenlinie rutsche, das Erahnen einer hoffnungsvollen Zukunft und das Wissen: Mit allem, was ich bin und habe, will ich dieses Kindlein schützen, nähren und fördern. Die Freude war grenzen-, der Himmel wolkenlos.
Als mir dagegen das Kistchen mit den kleinen Raupen in die Hände gedrückt wurde, war das eher eigenartig: Was war das? 3mm groß, schwarz und unansehnlich; aber sie bewegten sich irgendwie. Wie meine kleine Enkelin brauchten sie vor allem zwei Dinge: Futter und Schutz. Nonstop. Raupen fressen und fressen. Von einem Tag zum nächsten wachsen die kleinen Nimmersatte um ca. ein Viertel, häuten sich mehrmals, verändern dabei komplett ihre Farbe, liegen nach der Häutung stundenlang wie tot auf dem Boden, weil die neue Hülle erst härten muss, und weiter geht’s mit fressen fressen fressen… Bis der Tag kommt, an dem sie viele Stunden ziellos umherwandern (in dieser Zeit muss man aufpassen, dass sie nicht “abhauen”) auf der Suche nach einem geeigneten Platz, um mit einem Seidengespinst umhüllt als Kokon regungslos die nächsten 10-14 Tage «rumzuhängen».
Alle diese Entwicklungsschritte sprachen zu mir. In den ersten Jahren als Mutter lag die große Verantwortung, meine Kinder zu nähren und ihnen ein sicheres Umfeld zu geben, auf mir. Eine Lebensphase, in der Kinder oft sehr viel Freude machen, aber auch viel Kraft brauchen. Kinder sind ja “vom Stamme Nimm”, sie nehmen Futter, Fürsorge und Zeit mit einer Selbstverständlichkeit hin, die Kindern eigen ist. Sie wuchsen und häuteten sich – und waren in manchen Phasen kaum wiederzuerkennen… Die Zustände von Verletzlichkeit und Ziellosigkeit waren für sie und mich manchmal beunruhigend. “Hoffentlich wandern sie nicht an einen gefährlichen Ort, hoffentlich gehen sie nicht verloren, hoffentlich gelingt das Ablegen der alten und das Anpassen der neuen Haut, hoffentlich verpuppen sie sich an einem geeigneten Platz!” Ja – Hoffnung war immer wieder umkämpft, gefährdet, stand auf wackeligen Füßen und wollte immer wieder neu gefunden und festgehalten werden.
Als meine Enkelin vor ein paar Wochen mit Problemen auf neue Lebenssituationen reagierte, war sie wieder da, die alte Verunsicherung… Ich versuchte, mit verzweifelter Hilflosigkeit irgendwelche Lösungen zu finden und selbst nicht in die Hoffnungslosigkeit abzurutschen.
Als ich einmal so ratlos vor dem Raupenhotel stand, begannen die Puppen zu mir zu “sprechen”. Seit Tagen hingen die jetzt einfach an ihrem Ast, und es passierte – NICHTS. Ich stand da und guckte und wartete. Nur eins war da: Stille. Ein unsicheres Warten. Das Wissen: Irgendetwas geht im Verborgenen vor sich. Ich will und muss glauben und vertrauen, dass sich etwas Geheimnisvolles entwickelt. Dieses stille aktive Warten stärkte meine Hoffnung, dass bestimmte Vorgänge einem natürlichen Ablauf folgen.
Übergänge verunsichern und fühlen sich fremd an. Wie die Raupe sich in Grösse, Farbe, Form und Verhalten ständig verändert und schliesslich einfach herumhängt, verändert sich auch mein (Enkel)kind. Ich erinnerte mich an die Teeniejahre meiner Kinder, in denen ich mir z.T. nicht vorstellen konnte, dass ich irgendwann den Sechsjährigen mit seiner unbeschwerten, neugierigen Art wiederfinden würde.
Dann, eines Tages passierte das Unvorstellbare: Da hing ein Schmetterling! Unfassbar schön! Erst ganz ruhig, dann mit vorsichtigen Bewegungen, um die Flügel zu trocknen, bald dann bei den ersten Flugübungen, die deutlich zeigten: Ich will raus, ich kann fliegen und die Welt erobern! Beim ersten Schmetterling kamen mir die Tränen. Dieses unbeschreiblich schöne Geschöpf hatte neu meine Hoffnung gestärkt, dass nie nichts passiert.
Ich will Hoffnung haben für meine Kinder und Enkelkinder! Es ist in ihrer DNA, sich zu entwickeln und ihren Weg machen. Ich trage meinen Teil dazu bei, sie gut zu nähren und ihnen einen sicheren Rahmen zur Entwicklung zu geben. Aber vieles entzieht sich auch meinen Möglichkeiten, eine Garantie auf ein gutes Ende gibt es nicht. Doch heute weiss ich: Gerade in den Zeiten der Ruhelosigkeit und des reglosen Wartens passiert oft genau das, was ich sehnsüchtig erhofft habe. Das ist meine Schmetterlingshoffnung.
In welchem Stadium befindest du dich gerade mit deinem Kind/deinen Kindern?
Was empfindest du in dieser Phase als besonders herausfordernd?
Was gibt dir Hoffnung in dieser Zeit?