In den ersten Jahren als Mutter hatte ich keine Probleme damit, meinen Kindern Grenzen zu setzen. Denn ich liebte meine Kinder und zu dieser Liebe gehörte für mich, den Rahmen für ihre Entwicklung zu setzen und in Situationen, in denen sie es selbst nicht konnten, Entscheidungen für sie zu treffen. Heute, nach vielen Jahren als Mutter und ein paar erzieherischen Modeströmungen später, bin ich manchmal versucht, gewisse Dinge schleifen zu lassen oder anstrengenden Reaktionen und Diskussionen mit meinem Teenager aus dem Weg zu gehen. Warum? Nicht nur, weil ich ein bisschen müde geworden bin. Sondern auch, weil ich eine Schlüsselqualifikation von Eltern um eine Komponente ergänzt habe, die nicht dazugehört: Mir ist es wichtig, mit meinem Kind in Verbindung zu sein. Seine Gefühle zu spiegeln. Positiv mit ihm unterwegs zu sein. Und ich wünsche mir, dass es meine Entscheidung gut findet. Genau mit diesem Wunsch bin ich jedoch falsch abgebogen. Elternsein bedeutet nämlich nicht, nur Entscheidungen zu treffen und Grenzen zu setzen, mit denen das Kind einverstanden ist.
Darum rufe ich mir immer wieder Folgendes in Erinnerung: Die Grundlage unserer Familie ist, dass wir verbunden sind und in Verbindung bleiben. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen „Mir liegen die Gefühle meiner Kinder am Herzen“ und „Die Gefühle meiner Kinder bestimmen die Entscheidungen in unserer Familie“. Als Eltern geben wir die Richtung vor. Ganz bestimmt ist und bleibt es unsere Aufgabe, Entscheidungen zu treffen und Grenzen zu setzen, wenn das Kind selbst noch nicht in der Lage ist, sichere Entscheidungen zu treffen. Warum? Weil Kinder ein Recht auf Familie als sicheren Ort haben. Weil es unser Ziel ist, dass sie als Erwachsene ein gelingendes Leben führen. Wenn wir es zulassen, dass ihre Gefühle und Reaktionen immer die Entscheidungen bestimmen, die wir treffen, dann verweigern wir ihnen genau das. Verbundenheit steht da übrigens nicht im Widerspruch dazu.
In der Praxis kann das vieles bedeuten. Zum Beispiel, dass du eingreifst, wenn das Kleinkind bei Rot die Strasse überquert oder beim Warten auf den Zug das Bahngleis erkunden will. Du nimmst das Kind auf den Arm und hältst es fest. Wenn es sich wehrt und schreit, bleibt man ruhig und konsequent. Oder dass du auf dem Spielplatz bist und deinem Kind liebevoll und total verbunden erklärt hast, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Die normale Reaktion ist, dass es deine Erklärung ignoriert und weiterspielt oder sich weigert, mit dir zu kommen. Weil du den Lead hast, gehst du auf Augenhöhe und sagst: „Schatz, ich nehme dich jetzt an der Hand“. Ich weiß, es ist hart, dass wir jetzt gehen. Aber so ist es. Ohne ein „Einverstanden?” am Ende des Satzes. Und dann tust du ohne viele Worte das, was du angekündigt hast. Oder das, was wir kürzlich bei uns erlebt haben. Unsere Tochter hatte sich vor den Sommerferien für ein Freifach im neuen Schuljahr angemeldet. Nach fünf Wochen Sommerferien hatte sie ihre Meinung geändert und bat mich, sie bei der Lehrkraft abzumelden. Natürlich gefiel es mir nicht, den ganzen Frust abzukriegen, weil wir – nachdem sie uns ihre Beweggründe erzählte – darauf bestanden, dass sie die ersten paar Lektionen besucht und wir anschließend noch einmal zusammensitzen würden. Aber erstens waren wir ziemlich sicher, dass es ihr einfach schwer fiel, nach den langen Ferien wieder in den Alltag zurückzufinden und zweitens gehört es zu unserem Job als Teenagereltern, nicht immer nachzugeben.
Das mit dem Job bringt es für mich auf den Punkt. Mein Kind und ich, wir haben unterschiedliche Jobs. Wenn ich eine gute Entscheidung treffe und mein Kind nicht einverstanden ist, dann machen wir beide unseren Job. Ich treffe sie und mein Kind drückt seine Gefühle dazu aus. Dabei erfährt das Kind, dass seine Gefühle real sind. Und dass sie nicht in jedem Fall die Welt um es herum bestimmen. Es lernt, seine Gefühle wertzuschätzen, ohne sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen und entwickelt dadurch Resilienz und Vertrauen in sich selbst. Es ist möglich, in turbulenten Alltagssituationen gleichzeitig kindliche Gefühle ernst zu nehmen und die Leitrolle wahrzunehmen – liebevoll, klar und ohne schlechtes Gewissen und Angst.
In welchen Situationen fällt es dir schwer, deinen Job zu machen?
Wie reagierst du auf die Reaktionen deines Kindes?