Im Mittelmeer sind 93 % der Fischbestände überfischt. Weil es immer weniger Fische gibt, wird es immer schwieriger, vom Fischfang zu leben. Wenn sich das nicht bald drastisch ändert, drohen rund 300‘000 Menschen, die von der Fischerei leben, ihre Existenzgrundlage zu verlieren.

Der Grund für die Überfischung unserer Gewässer ist ein Vorgang, der typisch ist für uns Menschen. Der gleiche Vorgang begegnet uns in allen möglichen Situationen, besonders auch in Paarbeziehungen.

Jeder Fischer möchte natürlich jeden Tag möglichst viel fangen. Mit der Zeit führt aber genau das zum Aussterben der Fische und damit zum Ruin der Fischer. Eigentlich würden die Fischer alle davon profitieren, wenn sie Maximalfangmengen und Schonzeiten einhalten würden. Oder anders ausgedrückt: Wenn jeder Fischer kurzfristig auf seine paar Zusatzfische verzichtet, würden langfristig alle Fischer mehr fangen.

Dieses Phänomen heißt Soziales Dilemma. Es tritt immer dann auf, wenn sich ein bestimmtes Verhalten zunächst für einen selbst als günstig erweist, sich aber letztlich zum Nachteil aller auswirkt. Besonders sichtbar wurde es beispielsweise beim Wettrüsten zwischen der Sowjetunion und der USA. Beide Seiten hatten kein Interesse an astronomischen Rüstungsausgaben und noch weniger an der Vernichtung der Erde durch einen Atomkrieg. Und trotzdem rüsteten sie immer weiter auf, weil es für beide Parteien kurzfristig ein Vorteil war, mehr Waffen als die anderen zu besitzen.

In sozialen Dilemmas treffen wir Menschen systematisch ungünstige Entscheidungen. Besonders auch in Partnerschaften. Wir betreiben ein rhetorisches Wettrüsten, um Diskussionen zu gewinnen. Indem wir immer wieder etwas für uns rausholen wollen, überfischen wir unsere Beziehung. Wir schweigen uns an, um unseren Stolz nicht ablegen zu müssen. Um uns überlegen zu fühlen, beharren wir auf unserem Recht. Wir sind nicht kompromissbereit, damit wir nicht zu kurz kommen. Wir setzen unsere Ansprüche durch, damit wir das Sagen haben.

Alle diese Verhaltensweisen versprechen uns einen kleinen Sofortgewinn. Langfristig richten wir damit aber unsere Partnerschaft zugrunde. Doch wie können wir dieses soziale Dilemma überwinden? Wenn wir beide auf den ersten Schritt des Gegenübers warten, wird keiner den ersten Schritt machen.

Deshalb lohnt es sich, sich dafür zu entscheiden, immer selbst den ersten Schritt machen zu wollen. Und zwar ohne misstrauisch auf den Partner zu schielen und gedanklich Buch zu führen, wer jetzt wie oft den ersten Schritt gemacht hat. Als Erster die Vorwürfe zurücknehmen. Als Erste zugeben, dass man sich nicht korrekt verhalten hat. Zuerst das Schweigen brechen, sich verletzlich zeigen, um Vergebung bitten. So können wir die «Überfischung» und das «Wettrüsten» in unserer Partnerschaft stoppen und langfristig unser gemeinsames Ziel erreichen. Auch wenn es uns kurzfristig etwas kostet.

 

NEXT LEVEL FÃœR MEINE BEZIEHUNG:
In welcher aktuellen Situation könntest du den ersten Schritt machen?