„Geh weg, lass mich in Ruhe.“ Jenny ist wütend. Auf ihren Mann, weil er nicht gemerkt hat, was sie braucht. Und auf sich selbst, weil sie wegen einer Kleinigkeit wieder ein solches Theater macht. Sie ist den Tränen nah und will allein sein.

Als ihr Mann gegangen und die Zimmertür hinter sich zugezogen hat, beginnen ihre Gedanken zu kreisen: „Wieso bin ich nur so garstig? Was ist falsch mit mir? Wer kann es mit jemandem wie mir aushalten?“ Sie kennt dieses Karussell nur zu gut.

Jenny ist eine zierliche Frau Mitte 30. Auf den ersten Blick wirkt sie selbstbewusst, doch ihre scheuen Augen verraten ihre Unsicherheit. Seit sie sich erinnern kann, kämpft sie mit einem niedrigen Selbstwertgefühl. Schon als Mädchen war sie der Überzeugung, dass sie störe und ein Ärgernis für ihre Mitmenschen sei.

Jenny fällt es schwer zu glauben, dass jemand sie vorbehaltlos lieben kann. Regelmäßig beschleichen sie Zweifel, ob ihr Partner sie wirklich liebt. Und er sie auch noch lieben würde, wenn er wüsste, wie sie wirklich ist. Deshalb hält sie ihn immer etwas auf Distanz. Sie will nicht, dass ihr Mann sie mit all ihren negativen Emotionen erlebt und schickt ihn weg, wenn sie verletzt und wütend ist. Doch mit diesem Verhalten torpediert sie genau die Beziehung, die ihr helfen könnte, sich liebenswürdiger zu fühlen.

Viele Menschen kennen das Lebensgefühl von Jenny aus eigener Erfahrung, wenn auch nicht gleich stark ausgeprägt. Sie haben manchmal Mühe zu glauben, dass sie liebenswürdig sind. Sie wollen sich ihrem Gegenüber nicht zumuten und schützen sich, indem sie eine emotionale Schutzmauer um sich aufbauen.

Die Liebensunwürdigkeit wird so zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Schutzmauer treibt einen Keil zwischen das Paar und macht es für das Gegenüber tatsächlich immer schwieriger, zu lieben und mit seiner Liebe durchzudringen. Das wiederum bestätigt den Jenny-Anteil in uns. Er hat es ja schon immer gesagt: „Dich kann man nicht lieben.“

Ich kenne zwei Wege, um aus dieser selbsterfüllenden Prophezeiung auszusteigen. Der erste besteht darin, sich dem anderen zuzumuten und sich immer wieder für Nähe statt für Selbstschutz und Rückzug zu entscheiden. Das gelingt nicht von einem Tag auf den anderen, sondern ist ein Trainingsprozess, bei dem idealerweise beide Partner eingeweiht sind und sich gegenseitig immer wieder ermutigen, einander nahekommen zu lassen.

Der zweite Weg besteht darin, der Liebe von Gott auf die Spur zu kommen. Gott liebt uns Menschen allumfassend. Unsere verkorksten Seiten schrecken ihn nicht ab und überfordern ihn nicht. In der Bibel steht: „Wir haben erkannt, dass Gott uns liebt, und haben dieser Liebe unser ganzes Vertrauen geschenkt. Gott ist Liebe, und wer sich von der Liebe bestimmen lässt, lebt in Gott, und Gott lebt in ihm. Wenn das bei uns der Fall ist, hat uns die Liebe von Grund auf erneuert.“ Und genau diese Erneuerung kann auch die selbsterfüllende Prophezeiung der Liebesunwürdigkeit durchbrechen.

 

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